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Zwei Tage im Sommer | Leseprobe

Simone sah sich im Frühstücksraum der Pension um. An den Wänden hingen Bilder aus der Umgebung. Fotos vom See und vom Schilfgürtel, von Vogelschwärmen im Formationsflug sowie Menschen, die sich auf Heurigenbänken mit einem Glas Wein zuprosteten. Es roch nach Kaffee, das Frühstücksbüffet war reichhaltig gedeckt, aus den Lautsprechern klang Popmusik, viel zu leise, um herausfiltern zu können, ob deutsch- oder ungarischsprachig. Das indirekte Licht der Sonne fiel durch die nach Südosten ausgerichteten Fenster.
»Thorsten, seit Wochen sind die Zeitungen voll. Es werden Wetten abgeschlossen, wann der Angriff erfolgen wird. Ob heute oder erst morgen. Auf TikTok und Whats­App überschlagen sich die Gerüchte. Glaubst du wirklich, die Leute denken sich das alles nur aus?«, zischelte sie ihm gedämpft zu.
Thorsten verdrehte die Augen. An einem geordneten Austausch von Argumenten schien er schon länger nicht mehr interessiert zu sein.
»Wo ist Krieg?«, fragte Nicola und stellte den Teller, auf den sie beim Frühstücksbüffet gigantische Kaiserschmarrnberge in einem See aus Apfelmus platziert hatte, auf den Tisch. Sie hatte auch nicht mit Puderzucker gespart. Das kulinarische Ensemble wirkte wie eine aus einem Meer aus Bananenwasser aufragende verschneite Berglandschaft.
»Ach, Nicola, ich hab dir doch gesagt, dass du dir den Teller nicht so vollladen sollst. Könntest du nicht zur Abwechslung mal auf mich hören?«
Ihre siebenjährige Tochter beschloss, erst gar nicht auf Simones Mahnung zu reagieren und ließ sich den Kaiserschmarrnberg schmecken.
»Und es gibt natürlich keinen Krieg, es ist alles gut«, schob Simone hinterher.
»Sag ich ja«, betonte Thorsten triumphierend. »Es gibt keinen Krieg. Also lass uns die vier Tage, die uns hier am See bleiben, genießen. Du kommst eh schnell genug wieder nach Hause zu deinen aufregenden Damenkränzchen.«
Simones linker Unterarm ruhte auf dem Tisch, ihre Finger glitten den Goldrand des Tellers entlang. Wie wohltuend es für sie war, die Fingernägel ihrer anderen Hand währenddessen so tief wie möglich in die Haut des Unterarms zu drücken.
Die Erzählcafés, die sie im Auftrag der Braunschweiger Seniorenheime organisierte, konnten tatsächlich aufregend sein. Natürlich hatte Thorsten gar keine Ahnung, wie so ein Erzählcafé ablief, welche Rolle Simone dabei spielte oder was das Besondere an ihrem Konzept war. Es interessierte ihn schon lange nicht mehr, was Simone in der Arbeit erlebte, welche Erfolge sie feierte, was ihr Sorgen bereitete oder welche Herausforderungen sie zu meistern hatte.
Wie lange auch immer sie noch hier am See bleiben würden, für Simone stand fest, dass sie keine weitere Stunde genießen könnte. Vielleicht wäre es anders gewesen ohne Nicola. Aber mit einer Siebenjährigen in einem Krisengebiet, das offenbar wie ein Pulverfass mit brennender Lunte kurz vor der Explosion stand – sie mochte sich nicht ausmalen, was das bedeuten könnte. Wie schnell konnten sie sich in Sicherheit bringen, wenn wirklich ein Krieg ausbrach? Wie weit war es bis zur Grenze, hinter der die ungarischen Soldaten angeblich bereits in Stellung gegangen waren? Ein Kilometer? Oder sogar weniger?
Es war eine absolute Schnapsidee gewesen, hier Urlaub zu machen. Warum hatte sie sich nur darauf eingelassen?

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

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  • Lukas Pellmann: Zwei Tage im SommerLukas Pellmann denkt die gegenwärtigen nationalistischen Entwicklungen konsequent weiter und erzählt von der Kraft von Mitmenschlichkeit und Vergebung.
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