Der Zug fuhr vorbei an Leuten, die an Eisenbahnschranken standen, mit Kindern, die auf dem Gestell schaukelten, Tennisspielern mit ihrem Schläger in der Hand und Tennisplätzen, wo das Spiel in vollem Gange war, trotz der anbrechenden Dunkelheit. Vorbei an Lastwagen und vielen kleinen Autos
mit jungen Liebespaaren. Ein munterer Wind wehte aus dem Westen, der Himmel war klar, die ersten
Straßenlaternen leuchteten auf. Anton stand mit seinem Koffer im Korridor. Seine Mitreisenden hatten
seit einer Stunde kein Wort gesprochen, also hatte er auch geschwiegen. Anton sah Schönbrunn
und dann zwei Hakenkreuzfahnen an Flaggenmasten, dann hielt der Zug in Wien, Westbahnhof, eher
außerhalb des Bahnhofs, und Anton sprang hinaus. Er musste sich durch eine Menge Wartender winden, dann mehr SA-Männer und dann Hilde.
Sie war klein und wirkte trotz ihrer hohen Absätze noch kleiner, wegen ihres kurzen Rocks. Sie trug einen winzigen Strohhut, der fast ihre Augen bedeckte. Anton sah ihre mandelförmigen Augen und spürte ihre vollen, wohlgeformten Lippen. Sie trug ein graues Kostüm mit einer rosa Seidenbluse
und einem weißen Jabot.
»Dein Haar sieht aus, als wäre es ganz blond geworden«, sagte Anton.
Hilde sagte: »Ich trage es jetzt ein wenig länger.« Sie drehte sich kurz. »Honigfarben«, sagte sie.
Sie traten auf die Straße, wo die Wagen warteten. Anton warf Hilde einen fragenden Blick zu. Sie sagte: »Mach dir keine Sorgen. Papa geht es viel besser. Es ist trotzdem sehr gut, dass du gekommen bist.«
Sie lächelte und er lächelte zurück. »Hildchen«, sagte er mit seiner leisen Stimme, »nehmen wir
gleich ein Taxi. Hallo, Taxi …«
»Nicht diese schrecklichen Taxis!«, sagte Hilde. Sie ging neben einer Reihe von Wagen ein paar
Schritte zurück. »Hier!« Sie winkte Anton. »Theresianumgasse 5«, sagte sie zum Fahrer. »Wir haben
jetzt schöne neue Taxis.«
Anton wollte gerade in den Wagen steigen, als ein SA-Mann vom Bahnhof vortrat. Er sagte: »Bleiben
Sie in der Reihe, verstanden?«
Hilde lehnte sich vor und sagte lächelnd: »Aber Herr Gruppenführer, ich wollte meinem Bruder aus
Berlin nur unsere herrlichen neuen Taxis zeigen!« Und sie fuhren davon.
Hilde sagte: »Wir bekommen, was wir wollen.« Anton schwieg und sah sie an.
»Wo ist Karl?«, fuhr sie fort. »Warum hat er dich nicht begleitet? Ihr schwelgt wohl in dem üblichen
Flüchtlingskram in London? Karl! Wie schaut er aus? Du schaust großartig aus. Redet ihr manchmal
über mich?«
»Mach dich nicht lustig über Karl«, sagte Anton. »Er ist ganz wunderbar. Er hat mich auf eine
englische Schule geschickt, und jetzt arbeiten wir zusammen.«
»Tatsächlich?«, fragte Hildchen. Sie lehnte sich im Wagen zurück. »Ihr arbeitet also zusammen.
Dann verdient ihr wohl eine Menge Geld? Ich würde mich nicht einmal im Traum über Karl lustig
machen. Ich hätte ihn sehr gern gesehen.« Sie hielt kurz inne.
»Erzähl mir von Vater«, sagte Anton. »Fahren wir noch heute Abend zum Annenhof? Wie kann es
sein, dass wir immer noch diese Wohnung in der Theresianumgasse halten können? Drüben wissen
wir eigentlich gar nichts von alledem. Es ist so weit weg.«
»Man kann einfach nicht über alles schreiben. Es hat viele Veränderungen gegeben, von denen du nichts weißt.«
Zur falschen Zeit | Leseprobe
(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)