• Zum Inhalt springen
  • Zur Seitenspalte springen

Edition Atelier

  • Bücher
  • AutorInnen
  • Verlag
    • Über uns
    • Kataloge
    • Kontakt
  • Termine
  • Blog
  • Suche
  • Bücher
  • AutorInnen
  • Verlag
    • Über uns
    • Kataloge
    • Kontakt
  • Termine
  • Blog
  • Suche
« zurück

Sternstunden der Dummheit | Leseprobe

Einleitung

Im Takt der stummen Kraft

Kichernd, heulend, brüllend, flüsternd: In vielerlei Form steckt die Dummheit ihr Stöckchen in die Speichen der Geschichte. Weil kein Kraut gegen sie gewachsen ist, sollten wir rasch beginnen, uns vor ihr zu schützen.

Jeder glaubt sie zu kennen, aber keiner hat sie je gesehen. Dabei steht sie immer am Dirigentenpult, klopf, klopf, wenn das Volk Haltung annimmt, die Köpfe sich drehen und sie den Takt vorgibt: die Dummheit – weil Menschen Fehler machen, weil sie Mängelwesen sind, nicht immer Herr und Frau im eigenen Haus. Aus diesem Grund ist die Geschichte kein Malen nach Zahlen. Sie lässt sich in kein Schema pressen, trotz Geografie, Klima, Determinanten, Interessen. Sie ist kein Wunschkonzert, dessen Melodie sich vorhersagen lässt. Der Mensch ist ein subjektiv konditioniertes Wesen und die Basis seines Handelns nicht mit einer Ökonomie rationaler Entscheidungen erklärbar. Oft sind es Kräfte im Verborgenen, die zu Entscheidungen und Fehlern führen, zu Momenten, in denen eine Dummheit passiert. Besonders an den Hebeln der Macht kann das den Lauf der Zeit verändern. Dieses Buch erzählt von Fehlleistungen der Regierenden und präsentiert weitere Kapitel, die andere Formen der Dummheit verdeutlichen, um das Phänomen einzu­kreisen und zum Denken anzuregen – denn Dummheit betrifft uns alle, nicht nur die da oben. Fangen Sie zu Hause lieber mit etwas Kleinem an, es muss nicht gleich die Strickleiter zum Mond sein. Lassen Sie es ruhig angehen und seien Sie nicht zu hart mit sich selbst beim nächsten Blödsinn, Hoppala oder Ausrutscher: Niemand ist freiwillig dumm, ein paar Ausnahmen bestätigen die Regel.
Die Dummheit gibt es seit Menschengedenken, doch noch nie war sie so sichtbar wie jetzt. Jeder ist heute sein eigener Experte, faktische Wahrheit viel zu oft nur noch relativ. Kritisches Denken wird an Künstliche Intelligenz ausgelagert, wenn das Anwerfen eigener Schaltkreise zu mühsam wird. Faule Gehirne liegen öfter auf der Couch, und: Seit der Steinzeit sind sie kleiner geworden. Auch Umwelteinflüsse mindern die Rechenleistung der menschlichen Kommandozentrale. Nur im Bereich von Millisekunden, aber in Summe macht es einen Unterschied. Chemikalien beeinträchtigen die Funktion des Schilddrüsenhormons, das für die Bildung von Myelin entscheidend ist – der isolierenden Schicht um die Nervenfasern, die für eine schnelle Signalübertragung sorgt. Zugleich stagniert die Intelligenz, nachdem sie lang gestiegen war, wie der Amerikaner James R. Flynn herausfand. Seit dem Eintritt in das industrielle Zeitalter schnitten junge Menschen in 40 Ländern bei Intelligenztests jedes Jahr um drei Punkte besser ab, was großteils auf längere Schulzeiten oder bessere Ernährung zurückzuführen ist. Bis zur Jahrtausendwende: Da setzte eine Stagnation beziehungsweise ein Abwärtstrend ein. Sind wir also als Spezies an eine Grenze gestoßen? Haben wir den Peak Brain erreicht? Hat das Dschungelcamp über Goethe triumphiert?
Auf das Helle, die Intelligenz, blickt der Mensch lieber als auf ihr wirres, verstörendes Gegenteil. Dabei liegen der Stein der Weisen und der Stein der Dummheit im selben Bachbett. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts störte sich der französische Psychologe Alfred Binet, ein Menschenfreund mit zwei Töchtern, empfindlich daran, wie die »Irrenärzte« seiner Zeit weniger leistungsfähige Kinder oft willkürlich in drei Kategorien einteilten, um sie in Sonderschulen oder Anstalten zu stecken: »Idioten«, »Geistesschwache« und »Debile«. Also entwickelte er 1905 einen Test, um Menschen auf der Basis von Gedankengängen, Auffassungsgabe und Erinnerungsvermögen zu beurteilen. Daraus entwickelten sich die IQ-Tests. Ein Intelligenzquotient von 100 ist gut, darunter lauert schon die Behinderung, darüber winkt verheißungsvoll die Hochbegabung. Dorthin drängt alles, während Dummheit allgemein als Defizit der Denk- und Handlungsfähigkeit verstanden wird – wie eine Empfangsstörung im Radio, wenn aus den Boxen nur ein Rauschen kommt und das Drehen und Wenden der Antenne nichts bringt.
Im Althochdeutschen hieß »tumb« noch primär stumm, sprachlos oder unmündig, bevor sich die Bedeutung der Geistesschwachheit durchsetzte. Im Englischen bedeutet »dumb« immer noch stumm. Aber keine Angst: Wir werden jetzt nicht in Begrifflichkeiten abdriften, obwohl die Sprache so viele nette Begriffe für das geistige Unvermögen bereithält, deutlich mehr als für die streberische Intelligenz: brunzdumm, saublöd, hirnlos, belämmert, vernagelt, doof, deppert, dämlich, unterbelichtet. Die Birne ist matschig, der Lift fährt nicht ganz rauf, die Tassen fehlen im Schrank – ganz zu schweigen von den Dumpfbacken und Vollkoffern dieser Welt. Doch hier wird alles in einen Topf geworfen, der Ton ist verachtend: Das ist nicht das Niveau, auf das wir uns begeben wollen. Wie also dann an die Sache herangehen?

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

Zum Titel
  • Stefan Müller: Sternstunden der Dummheit
  • teilen 
  • teilen 
  • E-Mail 

Seitenleiste

  • Stefan Müller: Sternstunden der DummheitWährend Stefan Zweig in den »Sternstunden der Menschheit« historische Episoden beschrieb, die positiv glänzen, bietet dieses Buch eine spannende und amüsante Revue glänzender Fehlleistungen mit Konsequenzen. Dabei geht es nicht (immer) um dumme Menschen, sondern um dummes Verhalten.
↑
  • Kontakt
  • Impressum
  • Datenschutz
↑
Wenn die Ergebnisse der automatischen Vervollständigung verfügbar sind, benutze die Pfeile nach oben und unten, um sie zu überprüfen, und die Eingabetaste, um die gewünschte Seite aufzurufen. Nutzer von Touch-Geräten können durch Berührung oder mit Wischgesten suchen.

Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie über Neuerscheinungen und aktuelle Veranstaltungen. Alle Informationen zu Versand und Abbestellung erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.