Auszug aus dem Vorwort von Barbara Kadletz
… Schlurfkatzen bewegt sich zwischen Fakt und Fiktion, die Erzählung beruht auf historischen Tatsachen, erlaubt sich jedoch bewusst Freiheiten. Luise, die Heldin, ist eine erfundene Figur, doch um sie herum treten reale Menschen auf, deren Lebenswege meine Recherchen gekreuzt, und die sich in die Geschichte eingeschrieben haben. Eine von ihnen ist die Jazzmusikerin Vera Auer, eine Frau mit internationaler Karriere, deren Bedeutung heute kaum mehr bekannt ist. Auch Persönlichkeiten wie Helmut Qualtinger, Erni Mangold oder Ernst Jandl waren einst loser Teil dieser Szene und dienten mir als vage Inspiration für die Charaktere. In Alter, Herkunft und biografischen Details haben Jorghi Poll und ich uns allerdings erlaubt zu improvisieren, um Raum für eine dichte und lebendige Erzählung zu schaffen – die Historiker*innen unter den Lesenden mögen uns dies verzeihen.
Denkt man heute an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, so hat man zumeist politische Gruppierungen, vielleicht die Kirche oder heroische Einzelpersonen im Kopf, deren Opposition zumeist politisch-ideologisch motiviert war. Weit weniger bekannt ist ein jugendlicher Widerstand, der nicht aus Programmen oder Manifesten erwuchs, sondern aus der Popkultur – aus Musik, Kleidung, Gesten und dem unbedingten Willen zur Selbstbestimmung. In Österreich, Deutschland, der damaligen Tschechoslowakei oder Frankreich verweigerten zahlreiche Jugendliche den Gehorsam gegenüber der HJ und dem BDM. Sie hörten Jazz und Swing, besuchten verbotene Konzerte, tanzten, ließen sich die Haare wachsen, trugen übergroße Sakkos, weite Hosen oder kurze Röcke und Lippenstift. In Wien wurden diese Jugendlichen – je nach sozialer Herkunft – abschätzig als »Schlurfs« oder »Swings« bezeichnet. Was sie einte, war kein politisches Programm, sondern der Widerstand gegen den autoritären Alltag des NS-Regimes: gegen militärischen Drill, völkische Blut-und-Boden-Kultur, rassistische Ideologien, Gleichschritt und das Verbot ausländischer Radiosender – und damit gegen das Verbot der Musik, die sie liebten.
In bisherigen Publikationen über diese widerständige Jugendkultur standen, auch wegen mangelnder Quellen, fast ausschließlich männliche Akteure im Fokus. Deswegen habe ich in meiner Geschichte eine junge Frau ins Zentrum gestellt: Luise, 17 Jahre alt, wohnhaft in einem Wiener Gemeindebau, Näherin in einer Fabrik, sogenannte Schlurfkatze.
Der Titel Schlurfkatzen ist dabei bewusst ambivalent gewählt. Er ist keine Selbstbezeichnung der Jugendlichen, sondern eine abwertende Zuschreibung der Nationalsozialisten. Während bereits der »Schlurf« als nachlässiger Herumtreiber diffamiert wurde, rückte das Wienerische »Katz« die jungen Frauen zusätzlich in die Nähe der Prostitution. In der Tradition feministischer Umdeutung diskriminierender Begriffe habe ich mir diese Bezeichnung hier jedoch angeeignet und verwandelt: aus der Beleidigung wird eine Bezeichnung für Stärke, Eigenständigkeit und Widerstandskraft.
In der Umsetzung haben wir bewusst weitestgehend auf eine Verwendung von NS-Symbolik verzichtet und konzentrieren uns stattdessen auf den jugendlichen Leichtsinn unserer Held*innen, ihre Freundschaft, ihren Trotz und die Musik. Uns interessieren weniger Fahnen und Abzeichen als Blicke, Gesten, Komplizenschaft und der Moment, in dem die Musik lauter wird als die Angst. Luises Widerstand ist kein heroischer, er ist alltäglich. Er liegt im Nicht-Mitmachen, im Tanzen und im Schmähführen und in der Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen. Dass Luises Geschichte nicht abgeschlossen ist, zeigt sich bis heute. Autoritäre Regime reagieren nach wie vor empfindlich auf popkulturellen Ungehorsam – ob im Swing der 1940er-Jahre oder im Riot heutiger Jugendkulturen in autoritär geführten Staaten. Denn, frei nach dem legendären Coco Schumann, wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.
Barbara Kadletz
Schlurfkatzen
Graphic Novel
illustriert von Jorghi Poll
Edition Atelier 2026, 56 Seiten, EUR 25.-
ISBN: 978-3-99065-145-2
Erscheinungsdatum: 8. April 2026