Villa Friederike und die Löwenjagd
In einer Papierfabrik in Schlesien: Eine Kinderschar rennt und spielt zwischen riesigen Bergen von Banknoten. Es sind Millionen und Trillionen, die sich hier stapeln und gerade noch das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Für ein Dutzend Eier muss man mehrere Milliarden Kronen im Leiterwagen mitnehmen. Es ist die Zeit der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg, und die Kinder lernen, dass Geld kein Wert ist, nach dem man sein Leben ausrichten sollte.
Eines dieser Kinder ist Friederike. Die Papierfabrik gehört der Familie von Friederikes Mutter. Sie liegt in Österreichisch-Schlesien, der heutigen Tschechischen Republik. Das Papiergeschäft hat Tradition: Friederikes Großvater hat die Fabrik zwischen 1888 und 1891 in der Nähe von Troppau (heute Opava) mitsamt einem aufwendigen Wasserkanal errichtet und Verpackungsmaterial und Papiersäcke erzeugt. Eine zweite Fabrik soll bald folgen. Der Großvater ist den neuesten technischen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen. In Troppau ist er der Erste, der ein Automobil besitzt. Schon der Urgroßvater hat die erste Wasserturbine im Land gebaut.
Der Familie Gessner gehört auch eine alte Mühle, die »Seifenmühle«, der die am 20. Januar 1910 geborene Friederike ihre glücklichsten Kindheitserinnerungen verdankt. In der »Villa Friederike«, einem großen Holzhaus, kommt im Sommer die Verwandtschaft aus Deutschland, Italien, Jugoslawien, England und Amerika zusammen. Das Lieblingsspiel der Kinder ist die Löwenjagd. Wegen ihrer blonden Haare und weil sie eine schnelle Läuferin ist, übernimmt Friederike oft die Rolle der Löwin. …