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Figuren in Schwarz und Weiß | Leseprobe

…

Sie wohnten in einem der alten Häuser im dritten Bezirk, die von außen traulich und beschaulich wirkten, innen aber gab es nur dumpfe, finstere Wohnhöhlen, eben gut genug zum Sichverkriechen. Klosett und Wasserleitung waren auf dem Gang. Im Winter wurden die Hände blau, die den Eimer über dem eisernen Ausguss in Balance hielten. Beim Hineintragen schürfte er an den Waden und schlug kalt gegen die Knie. Sie wuschen sich in der Küche, sie aßen in der Küche, sie saßen in der Küche. Doch wenn abends die Lampe auf dem Küchentisch stand, wurde die Dunkelheit ringsum fast behaglich. Man war abgedichtet gegen die Umwelt durch Schichten von grauen und schwärzlichen und, außen herum, tiefschwarzen Schatten. Innen, im Kern des gelblichen Lichts, blühten die Inhalte der Bücher, die sie las, überbunt, glühend vor Buntheit geradezu.
In diese dumpf-trauliche Dunkelheit trat eines Abends bedeutsam Herr Abländer, der Buchhändler, ein. Fast konnte sie hinterher sagen: er erschien – so lautlos war er die enge Wendeltreppe heraufgekommen, und sie hatten sein Klopfen überhört, da stand er schon wie eine Erscheinung in der Küche. Sie hatten sein Klopfen überhört, Mama, weil sie von ihrer Geistesabwesenheit umgeben war wie von Lagen schalldichter, schwarzer Watte, und Theres, weil sie soeben die verwirrendste Erhellung erfahren hatte und ganz mit sich selbst beschäftigt war. Sie sollte einer einstigen Schulfreundin etwas ins Stammbuch schreiben, sie fand das abgeschmackt und schrieb mit solcher Geringschätzung, dass sie nicht einmal nachdachte, etwas hin, das ihr eben von selbst einfiel. Aber im selben Augenblick erregte der Satz ihre heftigste Teilnahme, er traf sie überraschend, wie ein Licht, und sie hatte nicht das Gefühl, ihn selbst gedacht zu haben, obwohl sie ihn auch ganz gewiss nirgends gehört oder gelesen hatte. Sie hatte ihn einfach gefunden. Er leuchtete ihr direkt und unabweislich ein. Woher kam er? Vielleicht gab es in ihrem Inneren einen dunklen See, in dem Schätze aus tiefer Vergangenheit ruhten, und wenn man sich ohne Ziel und Wunsch sinken ließ, brachte man manchmal etwas davon mit herauf ans Licht. Da stand es nun schwarz auf weiß: »Man wird nicht belohnt für das, was man tut, sondern für das, was man ist.«
Als die innere Blendung vorüber war, sah sie eine Gestalt groß und schattig außerhalb des Lichtkreises der Lampe in der Küche stehen und hörte die Mama etwas sagen, das offenbar schon eine Antwort war, der eine Frage, ungehört von Theres, vorausgegangen sein musste.
»Ich glaube, sie weiß es noch nicht. Nicht wahr, Theres? Was willst du denn werden, Kind?«
Und später, als alles geregelt war und sie täglich als Lehrmädchen in der Buchhandlung stand, empfand sie die beiden Ereignisse – das Erscheinen des Buchhändlers in der Küche und das Aufblitzen einer ersten schöpferischen Erkenntnis im Kopf – als etwas, das auf unerklärliche Weise zusammengehörte.

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

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  • Jeannie Ebner: Figuren in Schwarz und WeißIm Mittelpunkt von Jeannie Ebners Gesellschaftspanorama zwischen 1925 und 1955 stehen drei starke Frauen, die mit ihrer Selbstfindung in patriarchaler Umgebung, mit sexueller Emanzipation und beruflicher Eigenständigkeit ringen.
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