Auszug aus dem Vorwort
Der »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch ist noch heute vielen ein Begriff. Sei es als Kommandeur einer Abteilung der Roten Garde, die am 12. November 1918 kurz nach der Proklamation der Republik Deutschösterreich das Wiener Parlament stürmen wollte, schließlich aber bloß die Redaktion der konservativen Neuen Freien Presse besetzte; sei es als Aufdecker der »Affaire Redl«, eines der bedeutendsten Spionagefälle der zu Ende gehenden österreichischen Monarchie; sei es als Tagebuchschreiber der k. u. k.-Armee im Ersten Weltkrieg, als Geschichtenerzähler aus Prager Gassen und Nächten ebenso wie aus sieben Ghettos, sei es als Reporter, der Abenteuer, Erlebnisse und Kurioses aus der Sowjetunion und dem Paradies Amerika, aus Asien, Australien, Mexiko, kurz: aus fünf Kontinenten darzubieten hatte.
Geboren am 29. April 1885 in Prag, war Kisch zu Lebzeiten ein angesehener und gefeierter Autor, nicht nur im deutschen Sprachraum, wurden seine Reportagen doch in viele Sprachen übersetzt. Seine Kindheit und die journalistischen Anfangsjahre verbrachte er in Prag, im Ersten Weltkrieg zog er nach Wien, bis er sich schließlich 1921 in Berlin niederließ, wo er Korrespondent der Brünner Tageszeitung Lidové noviny (»Volkszeitung«) war, aber auch für andere Zeitungen und Zeitschriften arbeitete und weit mehr als ein Dutzend Bücher mit Reportagen und Reiseberichten veröffentlichte. Noch in Wien war er der Kommunistischen Partei beigetreten, der er bis zu seinem Tod treu blieb.
In der Nacht des Reichstagsbrands, am 28. Februar 1933, wurde Kisch von den nationalsozialistischen Behörden verhaftet, kam aber nach einer Intervention der tschechoslowakischen Botschaft am 11. März frei und wurde des Landes verwiesen. Er ließ sich nicht in Prag, sondern im Pariser Vorort Versailles nieder und wurde, trotz einer längeren Reise nach Australien, zu einem Angelpunkt des deutschsprachigen Exils. Von Anfang Juni 1937 bis Ende April 1938 hielt sich Kisch in Spanien auf, um der demokratischen Republik in ihrem Kampf gegen den von Hitler und Mussolini unterstützten Franquismus publizistisch beizustehen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs mussten er und seine Frau Gisela nach Übersee weiteremigrieren, 1939 in die USA, ein Jahr später nach Mexiko, wo Kisch wiederum im Mittelpunkt des kulturellen und politischen Lebens des deutschsprachigen Exils stand. Im März 1946 war er zurück in Prag und wollte am Aufbau der kommunistischen Tschechoslowakei mitarbeiten. Doch verstarb er am 31. März 1948 in seiner Heimatstadt, gerade einmal 62 Jahre alt.
Nach Spanien war Kisch bereits in seinem ersten Exiljahr 1933 gekommen, um für zwei Reportagen zu recherchieren. Im Juni 1937 kehrte er ins Land zurück, um über den Kampf der Spanier gegen den Franquismus ebenso zu schreiben wie über die Freiwilligen in den Internationalen Brigaden. Auf dem II. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidgung der Kultur, der im Juli 1937 in den
bombardierten Städten Valencia, Madrid und Barcelona stattfand, zählte er zu den angesehensten deutschsprachigen Autoren und hatte die Ehre, eine Sektion zu leiten. Er besuchte deutsche und tschechoslowakische Einheiten an mehreren Fronten, schrieb über die Folgen der Bombardements
für die Zivilbevölkerung, über den Schutz der Kunstwerke des Prado-Museums, über die Hospitäler und Sanatorien der Internationalen Brigaden und hatte dabei stets die Menschen im Blick. Sein wohl bekanntester Text aus Spanien ist die Geschichte des jungen Tiroler Bauern Max Bair, der seinen Viehbestand – die titelgebenden Drei Kühe – verkauft, um so für sich und drei Freunde die Reise
nach Spanien zu finanzieren.
Aufgrund ihrer Perspektiven, die häufig Nebenaspekte des Bürgerkriegs ins Zentrum rücken, dabei aber stets das Wesentliche suchen, sind Kischs Spanientexte einzigartig und originell. Es sind literarische Texte, die ihre propagandistische Absicht nicht leugnen und sie oft ironisch-virtuos in den Dienst der Sache stellen. Dennoch fanden sie bisher nur geringe Beachtung. Dies liegt zum einen daran, dass sie zum Zeitpunkt ihres Entstehens verstreut in der antifaschistischen Presse Spaniens, Frankreichs, der Tschechoslowakei und des deutschsprachigen Exils erschienen sind. Zum anderen daran, dass es Kisch am Vorabend des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gelang, seine Texte aus dem Bürgerkrieg wie geplant in einem Reportagenband zu veröffentlichen. Erst 1961 kamen Kischs bedeutendste Spanientexte in einem schmalen Band heraus.
In diesem Buch sind nun alle heute noch auffindbaren journalistischen Arbeiten Kischs rund um den Spanischen Bürgerkrieg versammelt. Sie werden ergänzt durch Briefe Kischs an seine tschechische Freundin und Übersetzerin Jarmila Haasová, durch Berichte und Erinnerungen von Weggefährtinnen und Weggefährten und durch zahlreiche Fotos, von denen viele bislang unbekannt waren. Es ist
somit die umfassendste Sammlung von Kischs Reportagen und Texten aus Spanien, die seine Bedeutung als Chronist, engagierter Reporter, Zeitzeuge, Literat und vor allem als Mensch belegen.
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Die Herausgeber