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Wir waren drei Brüder. Drei Kinder des Krieges. Ich war der Älteste, aber der Kleinste, der Zierlichste. Vielleicht blieb ich auch so zart, um für immer der »Petit Jean« zu bleiben, den unsere Mutter, an die nur ich mich erinnere, so lieb hatte. Wir lebten auf dem Land im Südwesten Frankreichs. Dort wurden meine zwei Brüder und ich geboren, dort wuchsen wir auf. Von der nahen Großstadt Toulouse habe ich nur noch flüchtige Erinnerungen: die leere, kühle Kirche Saint-Sernin mit ihren sanft patinierten Holzbänken, die Kanalufer im Schatten der Platanen, die roten Ziegel der Fassaden und der Brücken, die sich im Wasser des Flusses widerspiegeln. Aber die Landschaft meiner Kindheit ist die Landschaft meines Lebens. Die breite Ebene der Garonne mit farbenfrohen Obstgärten, duftenden Blumenwiesen, saftigen Weiden, ergiebigen Maisfeldern und silberschimmernden Pappelhainen. Oh, dieses geliebte Tal, über das sommers schwebende Dunstschleier ziehen …
Als die Mutter zwei Jahre, nachdem Louis auf die Welt gekommen war, bei der Geburt von Zwillingsmädchen starb, übersiedelten wir nach Castel. Auch diese kleine Stadt liegt am Ufer der Garonne. Dort schlängelt sich der Fluss durch kleine Inseln aus weißen Kieselsteinen, so still und glatt, bis zum weiten, endlosen Ozean. Ich stellte mir immer vor, wie wundervoll es wäre, sich im Widerschein der Abendsonne von den Wellen des Flusses bis zum Meer hinaustragen zu lassen. Es war ein friedliches Leben, friedlich wie der Fluss.
Von meiner Kindheit habe ich nur schöne Erinnerungen. Von der Schulzeit sind es vor allem Düfte. Der herbe Geruch der Kreide und der violetten Tinte, der Mandelduft des Kleisters und das Orangenblütenwasser der Plätzchen meiner Mutter. Für die Mutter war ich sechs Jahre lang ein kleiner Prinz, und trotz des Krieges litt ich weder Hunger noch Not. Die Mutter strickte, die Mutter kochte, die Mutter las mir Geschichten vor, die Mutter lachte. Soweit ich zurückdenken kann, hat meine Mutter immer gelacht. Wie später auch mein kleiner Bruder Louis. Ich war acht, als er, zwei Jahre nach Pierre, auf die Welt kam. Ich liebte dieses kleine Wesen auf Anhieb: sein sonniges Gesicht, seine goldenen Augen, seine jauchzende Stimme. Es war, als hätte ich auf ihn gewartet. Pierre hingegen war ein zu ernstes Kind, das nur Bücher im Kopf hatte, vielleicht weil er derjenige war, der den Tod der Mutter am schwersten verkraftet hatte. Jedenfalls hatte ich mein Leben lang keine so enge Beziehung zu Pierre wie zu Louis. Nicht einmal nach den tragischen Ereignissen, die unsere Familie durchlebte.