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Die Nacherzählung | Leseprobe

3.

Schon nach wenigen Minuten, sie war bis zum Dorfende gekommen, traf sie drei Männer, die einen zum Handkarren umgebauten Pflug zogen, der ihr Gepäck trug. Sie hörte die Männer reden, und was sie hörte, entsprach ihrer Vorstellung vom Dialekt ihres Ziels: von Wien, dem Wohnort der Schwester.
Sie gehen nach Wien, stimmt das, fragte sie, kann ich nicht mitkommen.
Die Männer blieben stehen: Ja, nach Wien. Und Sie? Spazieren?
Sie stand da, eine junge Frau im Kittel einer Krankenschwester, und meinte anscheinend, einfach mitgehen zu können. Als sei sie nur vors Haus gegangen, stand sie da, was tatsächlich noch keine fünf Minuten her war, und behauptete, aus einem kleinen bairischen Dorf weg nach Wien gehen zu wollen: Kann ich nicht mitkommen?
Aber lang sind Sie noch nicht unterwegs.
Kann ich nicht mitkommen?
Die Männer, mal sehen, wie lang sie uns zum Narren hält, willigten ein, sagten: Wo ist Ihr Gepäck; sie wunderte sich: Was für ein Gepäck? Ich muss zu meiner Schwester, ich muss ihr nichts mitbringen.
Am Abend, sie waren der Hauptstraße ausgewichen, wo zu viele unterwegs waren, fragten sie nach Quartier. Als die Bauern die junge Frau sahen, schickten sie die Männer ins Heu: Das Fräulein kann bei uns im Haus übernachten. Sie brauchen nicht draußen bleiben, sagten sie, und zu essen gibts auch.
So zogen sie tagelang weiter. Sie übernachteten in einer Schule, in deren Klassenzimmer man Stroh geschüttet, oder auf einem Heuboden, wenn der Bauer eine Leiter angelehnt hatte. Wer müde war, stieg hi­nauf und legte sich hin. Stand der Hof an einer vielbegangenen Straße oder war Schlechtwetter, füllte sich der Heuboden, bis einer neben den anderen gepfercht lag. Die Männer glaubten längst nicht mehr an einen Scherz und verwunderten sich über die Unerschrockenheit der jungen Frau, die an manchen Abenden den Vorteil genoss, wegen ihrer Jugend von den Bauern, bei denen sie untergekommen waren, ein wenig umsorgt zu werden.
Der Tag überraschte sie mit einem Wolkenbruch, der nicht aufhören wollte. Es gab keine Möglichkeit, sich unterzustellen, und sie gingen verdrossen weiter. Vom Dreck der Landstraße und vom Regen war der Kittel der jungen Frau aufgedunsen zu einem klebrigen Sack, der an ihr hing.
Leute, die ihnen entgegenkamen, nasse, klebrige Gestalten, erzählten von einem Unfall. Ein paar hundert Meter weiter sei ein mit Material und Menschen beladener Ami-Laster von der Straße gerutscht und umgekippt. Als sie hinkamen, lagen blutende Soldaten im Straßengraben, die unverletzt gebliebenen liefen im Wolkenbruch herum, riefen nach Verbandsmaterial für Notverbände, orderten per Funk Krankenwagen. Die junge Frau zerriss ihre Schürze und versorgte, von den anderen Soldaten umstanden und unterstützt, die am stärksten Blutenden, währenddessen die drei Männer den unbeobachteten Lastwagen untersuchten und ein großes Fass mit Schmalzfleisch fanden, das sie abluden, zur Seite rollten und im Straßengraben versteckten. Die Krankenwagen trafen ein, Erste Hilfe war nicht mehr notwendig, das Interesse der Lastwagenbesatzung konzentrierte sich auf das Verladen der Kameraden. Als die junge Frau und die drei Männer sich davonmachten, es regnete weiterhin und die Straße war überschwemmt, lag das Fass getarnt auf dem Handkarren.
In der frühen Dämmerung kamen sie zu einem Bauern und baten um Quartier.
Ihr könntet schon bleiben, sagte der Bauer, wär nicht das Gewand. Das versaut mir noch alles.
Die junge Frau stand abseits und ließ die Männer verhandeln:
Verstehen Sie, wir müssen aus den nassen Fetzen raus, wir sind den ganzen Tag im Regen unterwegs gewesen.
Aber trocknen können wir uns doch.
Ja, aber, als wär das so einfach, sagte der Bauer, wie stellt ihr euch das vor. Ihr könnt doch nicht nackert herumlaufen.
Die Männer standen da und dachten an eine Nacht im Freien nach einem Tag im Regen, die junge Frau stand daneben und sagte nichts. Vielleicht wäre es einfacher, vielleicht würde der Bauer es sich überlegen, versuchte auch sie, ihn zu überzeugen und stünde nicht da wie ein nasser Kleiderpacken.
Der Bauer kam ihr zuvor:
Ich weiß was, klar, ins Ausgedinge. Dort könnt ihr bleiben, es steht leer. Müsste schon gehen.
Das Ausgedinge war ein einzelner Raum mit einem Ofen. Vom Bauern holten sie Stroh und breiteten es auf. Mit etwas Holz, das sie ihm noch abschnorrten, heizten sie ein.
Die junge Frau hängte ihren Schwesternkittel, die große Stofffläche so weit wie möglich dehnend, zum Trocknen auf:
Das ist auch, sagte sie freundlich, eine Grenze, versteht ihr? Ihr müsst euch nicht wichtigmachen und eine halb nackte Frau interessant finden. In einer Stunde ist der Stoff wieder trocken.
Sie sprach über den Kragen des hängenden Kleids hinweg. Von der anderen Seite sah das aus, als machte sie eine Anprobe und hielte sich das Kleid vor den Körper. Sie redete nun mit den Händen, das Kleid blieb unbewegt, und hier endete die Anprobe.
Also seid so gut, sagte sie freundlich, ja?
In der Dämmerung wurde der Raum schnell dunkel und ersparte ihr das Versteckspiel für die kurze Zeit, bis ihr Kittel zerknittert und trocken war.
Sie blieben eine Woche. Tagsüber gingen die Männer zu den Bauern der Umgebung und bettelten um Erdäpfel. Bei einigen gab es noch ein Stück Brot dazu. Zusammen mit dem Schmalzfleisch langte das für eine tägliche warme Mahlzeit.
Gespräche gab es kaum. Die Männer waren unterwegs und versuchten, sich nützlich zu machen oder saßen verloren herum. Sie erfuhren, obwohl sie schon einige Zeit gemeinsam herumzogen und nun ein Zimmer bewohnten, wenig voneinander. Es wurden einige Geschichten erzählt, Ausschnitte oder kurze Zusammenfassungen der Lebensläufe, aber der eine war vielleicht nicht gesprächig und dem anderen viel daran gelegen, so manches zu verschweigen. Es wurde damals viel vergessen. Dass sie die junge Frau mitgenommen hatten, war Hilfsbereitschaft gewesen; daraus konnte nicht die Verpflichtung abgeleitet werden, einander zu unterhalten oder über sich reden zu müssen.

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

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  • Bruno Weinhals: Die NacherzählungAls einzige Überlebende ihrer Familie in dem kleinen bayrischen Dorf macht sich eine junge Krankenschwester auf den Weg zu ihrer Schwester nach Wien. Es ist 1945, und zeitgleich begeben sich Tausende Menschen auf Wanderschaft in ein hoffentlich besseres Leben.
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