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Die Ablenkung | Leseprobe

Um zu verstehen, warum ich so erschöpft war, muss man wissen, worin meine tägliche Arbeit bestand. Sie lag nicht im Aufdecken von Verbrechen, sondern in deren Dokumentation. Ich stellte Informationen sicher, die für Anklagen und Untersuchungen genutzt werden könnten. Kurz gesagt: Ich fütterte meine Datenbanken, Hunderte. Den ganzen Tag nämlich. Ich überprüfte Belege, fasste sie in monatlichen Berichten zusammen, gab sie für andere Behörden als Quellen frei, fürs Umweltamt, fürs Ministe­rium, für welche Häuser auch immer. Dinge, die viele Kräfte auf der Welt seit Jahrzehnten als unwichtig abtaten, die sie als falsch oder unwichtig anfochten, als angebliche Lügen, versah ich mit Argument, mit Autorität und mit Archivierung. Ich organisierte Einträge, beschlagwortete und klassifizierte sie, behaftete sie über und über mit dem nötigen Ballast beglaubwürdigter Realität:
Das ist passiert –
Dafür gibt es Beweise –
Es ist wirklich geschehen –
Dort und dort, zu dem und dem Zeitpunkt –
Kein Einzelfall –
Gesetzesbruch nach Paragraf soundso –
Untersuchungen der Ozeanologischen Abteilung der Universität eingelangt –
Präsentation der Forschungsergebnisse auf der Tagung der Internationalen Gesellschaft für Nutztierhaltung –
Die Tierärztliche Hochschule legt eine weitere Studie vor –
Untersuchungen der Veterinärmedizinischen Universität bestätigen Vorwürfe –
Ich war die verbeamtete Bürgin, jene Instanz, die gewährleistete, dass unsere Behörde nur Bewiesenes und für Gerichte ausreichend Gewichtiges weitergab, eine Sammlerin elektronischer Stichworte und Meisterin der Textausschnitte und Tabellen. Ich übersetzte Berichte aus aller Welt, ins Englische oder aus dem Englischen, zerstückelte sie in Zitate und Rechnungen, machte Buchstaben zu Zahlen, später diese Zahlen wieder zu Buchstaben. Nur selten riss mich dabei etwas aus meinem Trott, wie etwa die Meldung, dass die Zahl getöteter Umweltaktivisten weltweit jene der verhafteten überstieg, eine Nachricht, die mitsamt einer händisch angefertigten Namensliste bei mir einlangte, auf der ich dann die Namen von vier ermordeten Kolleginnen entdeckte, die mir vor ein paar Wochen noch selbst ihre Berichte aus Kolumbien und Mexiko geschickt hatten. Meine Güte, all die internationalen Kooperationen, auf die ich in meinen ersten Arbeitsjahren so stolz gewesen war, in die ich meine Hoffnung gesetzt hatte. Wer glaubte daran, dass das half? Was hatte ich mit diesen Ermordeten gemein? Wir arbeiteten mittlerweile mit allen zusammen, die bereit waren, mit uns zusammenzuarbeiten, ohne Unterschied: dem Internationalen Institut für Nahrungsmittelpflanzen der halbtrockenen Tropen, der dänischen Arbeitsgemeinschaft für internationale Agrarforschung, dem Internationalen Institut für Fleischforschung in Brasilien, dem Rindergesundheits-Institut in Peru, einem für Tropische Viehhaltung in Kenia, der Norwegischen Agribusiness Innovationsplattform, dem Internationalen Mais- und Weizenzentrum in Mexiko, zwei Instituten für Tropische Landwirtschaft in Afrika, dem Internationalen Food Policy Forschungsinstitut in Washington, der Vereinigung indigener brasilianischer Anwältinnen gegen den Umweltrassismus, dem Zentrum für die Ernährungssicherheit präkolum­bia­nischer Völker in Kolumbien, der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika, dem Europäischen Ernährungsgipfel und der Deutschen Welthungerhilfe, dem Komitee für globale Ernährungssicherheit, der Gewerkschaft der Arbeiterinnen in der Nahrungsmittelindustrie in Rumänien, und so weiter. Das waren aber leider lauter Partner, die sich gegenseitig nicht mochten und bekriegten, weil die einen um jeden Preis für Effizienzsteigerung in der Nahrungsmittelherstellung kämpften – und die anderen dagegen. Von gemeinsamem Engagement keine Spur.
Ich schrieb Beileidsnachrichten an die Institutionen, die Kolleginnen verloren hatten, und legte dann deren Namen als weitere Einträge an, trug ein: Alter, Geschlecht, Beruf. Ich rechnete, transformierte, und schon waren auch diese Buchstaben zu Zahlen geworden. Kein Wunder, dass man da müde wird. Das Auge hält dem Bildschirm nicht stand. Und kein Gedanke an sich selbst.
Dabei ging es nicht darum, dass man die Daten, die bei uns eintrafen, nicht auch ohne mein Zutun hätte auffinden können, im Netz, auf Plattformen und Blogs, in Zeitungen. Sondern es ging darum, dass ein zu großer Teil der Menschen diesen Berichten buchstäblich nicht glauben wollte. Es gehörte zu meinem Geschäft, die Hässlichkeit, mit der ich zu tun hatte, wieder und wieder zu benennen, um gegen diesen Unwillen anzuarbeiten. Ich beglaubigte die Berichte, indem ich sie in unsere Datenbanken und Rechner einspeiste, sie hochlud, umrechnete, statistisch und inhaltlich auswertete, dann in Textpakete, die man bei uns bestellen konnte, weiterverarbeitete. Die Kür war meine Arbeit an Abkürzungen und Abkürzungsdatenbanken, so viele Institutionen mussten zitiert werden in geringer Zeichenanzahl in den Datensätzen. Verständlich musste es bleiben, nachvollziehbar, recherchetauglich. An dieser Transformation von Wissen war nichts Schlechtes. Sie war wichtig. Aber: Da gab es kein Vorwärts. Nur Repetition. Technische und sprachliche Wiederholung. Ich baute nichts auf, ich entwickelte nichts, ich bezog mich nur auf bereits Bekanntes. Ich tat das immer Gleiche und zwar immer wieder.
Ich steckte fest.

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

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  • Elena Messner: Die AblenkungElena Messner richtet in ihrem klug konstruierten und vielschichtig-spannenden Roman die Scheinwerfer auf das schmutzige Geschäft der Fleischindustrie.
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