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Der Wolf | Leseprobe

Kaum ein Tier ruft seit einigen Jahren so scharfe, so konträre und scheinbar so unvereinbare, ja garstige bis nahezu feindliche Reaktionen hervor. Dass der Naturschutzbund Deutschland (NABU) es unternahm, die bisher medial singuläre Causa des Hanse-Wolfes nüchtern einzuordnen, und darauf verwies, dass mit der wachsenden Zahl von Wölfen es immer wieder zu – seltenen – Begegnungen mit Menschen kommen könne, mutet innerhalb dieses erregten Wolf-Anti-Wolf-Diskurses exotisch sachlich an. Der Grund seines Abkommens vom Wege sei simpel: In der Regel, der auch der Jungfernstieg-Lupus entsprach, handele es sich um junge Wölfe, die losstreifen und ihr Rudel verlassen würden, um ein eigenes Revier zu finden. Diese sogenannten Wanderwölfe würden dafür weite Strecken zurücklegen und lange unterwegs sein, durch unterschiedliche Gaue und Landschaften kommen, und in diesen Landschaften seien eben auch Städte. Durch diese schleichen sie zumeist des Nachts, doch bei Navigationsfunklöchern des Instinkts und Basisirritationen wie Straßen und fahrenden Objekten, Lichterspiel und innerurbanem Gelärme kann es wie an der Binnenalster eben auch tagsüber geschehen.
Heftig, ja geradezu emotional werden Abschussquoten diskutiert. In der Regel werden dabei Biologen nicht um ihre Meinung oder Expertise gefragt. Abschießen, gar präventiv, oder bedingungslos, da in Zeiten des elementar voranschreitenden Artensterbens, schützen? Die Debatte ist hochideologisch – und dabei nachhaltig imprägniert von Projektionen, von Märchen und von evozierten Bildern, die frühere Generationen über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg kreierten und im Umlauf brachten.
Dabei war der Wolf ja lange ganz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verschwunden und in anderen europäischen Staaten nur noch rudimentär zählbar. Im Jahr 2025 wurde die Gesamtzahl von Wölfen in der Europäischen Union auf etwa 20.300 Exemplare geschätzt. Dokumentiert sind in den letzten 20 Jahren rings um den Globus nur etwa 500 Wolfsangriffe. Davon waren 26 tödlich, wobei Tollwut eine essenzielle Rolle spielte. Angesichts dieser äußerst überschaubaren Zahlen muss man sagen: Da sind allein die Haie rings um Australien schon in einem Kalenderjahr aggressiver, als es Wölfe global sind. Wölfe konzentrieren sich auf ihre »klassische« Beute, auf Rehe und Schafe, Ziegen, Frischlinge und Kälber.
Bis zum März 2025 genossen die seit 1979 infolge der sogenannten Berner Konvention strikt geschützten Wölfe den höchsten Rang. Sie waren als »streng geschützte« Tierart rubriziert. Im genannten März 2025 verloren sie diesen Exklusiv-Superstatus. Seither jedoch können sie, als lediglich »geschützte Tierart«, Abschüssen zum Opfer fallen. In das aktive nationale Recht der Bundesregierung Deutschland, ins Bundesnaturschutzgesetz, fand dies bisher noch keinen Eingang.
Das Genussland Österreich scheint ein extrafruchtbares Wolfsgefilde zu sein. Zwischen 2020 und 2025 hat sich die Population hier fast verdreifacht. Im Statusbericht für das Jahr 2025 wies man mindestens 121 Wölfe nach. In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 wurden aber in Kärnten und in Tirol schon sieben Wölfe abgeschossen. Das Land Salzburg beschäftigt sich mit einer Präventivmaßnahme, dem fixierten Abschuss von zwei Exemplaren pro Jahr. Zum Schutz der Almwirtschaft solle dies präventiv geschehen und auch wenn keinerlei Verriss, das Erlegen von Nutztieren, zuvor nachgewiesen werden kann. Ein im März 2026 präsentiertes Gutachten des Instituts für Naturschutz und Naturschutzrecht in Tübingen, Deutschland, attestierte diesem Vorgehen wie den Wolfstötungen, eindeutig rechtswidrig zu sein und gegen EU-Recht zu verstoßen.
Zu wenig Lobby habe der Wolf, so die Tübinger, auch große Naturschutzverbände würden sich zu passiv zeigen. Wo­ran das liegt, diese Frage bleibt offen.
Aber vielleicht ist genau diese Offenheit umgekehrt ein negatives Verdienst der Verdunkelung über Säkula hinweg, infolge breit rezipierter Sagen und Legenden und auch wegen groben Unwissens.
Müsste nicht umgekehrt der Wolf uns Menschen abschießen? Fast meint man, der aufsehenerregende und weithin kolportierte Satz der Sängerin Billie Eilish auf der Oscar-Zeremonie anno 2026 »No one is illegal on stolen land« sei ihr von wölfischen Sympathisanten souffliert worden. Denn tatsächlich leben Mittel- und Osteuropäer, Nordamerikaner und Sibirier auf Land, durch das vor ihnen Wölfe und Wolfsrudel ungehindert und uneingeschränkt schnürten.

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

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  • Alexander Kluy: Der WolfAlexander Kluy begibt sich in seiner neuen Kulturgeschichte auf Spurensuche abseits der Wälder und findet allerlei Wölfisches in Literatur, Philosophie, Psychoanalyse und Film, in Märchen, Mythen und im Aberglauben.
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