Zirkusgeschichte
Dass ich in meiner frühesten Jugend von der Kunst nicht sehr viel gehalten habe, hat damit zu tun, dass in meinem Elternhaus von Zeit zu Zeit recht eigenartige Leute auftauchten, die, wie mir schien, des vielen Aufhebens, das man um sie machte, gar nicht wert waren, mit Ausnahme eines einzigen, eines Malers, der die Wände unseres Kellerstübchens mit den Bremer Stadtmusikanten und den Sieben Schwaben dekorierte. Von den anderen sind mir ein paar in Erinnerung geblieben, die ich nicht ernst nehmen konnte.
Da war ein Maler, der eigens in unsere Gegend reiste, um Wolken zu malen, als ob er dies nicht ebenso gut anderswo hätte tun können. Einer trieb sich wochenlang mit einer Staffelei in den Hügeln herum und malte die Pollauer Berge, immer wieder und mit einer Ausdauer, die mir unheimlich war, in welcher Richtung er auch morgens loszog, was immer er auch mitnahm, Ölfarben, Buntstifte oder Wasserfarben, es wurden immer die Pollauer Berge daraus. Dann war da ein junger Mann mit langem schwarzen Haar, der aus Brünn kam und Berge von Notenpapier mitbrachte. Er saß tagelang an unserem Flügel und drosch mit seinen mageren Fingern auf den Tasten herum, ja, er wühlte darin, es war interessant, ihm zuzusehen, manchmal hob er eine Hand hoch und schmiss sie dann wieder auf die Klaviatur hinunter, entsetzliche Dissonanzen hervorrufend, dazu trat er wie wild auf das Pedal, warf den Kopf zurück, dass die schwarze Mähne nur so flatterte, seine Augen funkelten, er wurde dunkelrot im Gesicht. Was das Merkwürdige daran war, mein Vater duldete nicht nur, dass man sein Klavier, das von der Firma Hansmann eigens für ihn angefertigt worden war, so misshandelte, nein, er zeigte sich sogar begeistert, stand daneben und warf die Notenblätter herum, selten habe ich ihn so voll Temperament gesehen.
Meine Mutter saß dabei und vergaß ihre Handarbeit vor Entzücken und bemerkte nicht, dass der Baron mit seinen langen, spitz gefeilten Fingernägeln die Tischplatte zerkratzte. Es war mir unverständlich, wie ernst zu nehmende Menschen an solchem Lärm solche Freude haben konnten, und ich blieb immer nur dabei sitzen, weil ich einfach nicht fassen konnte, dass dieser blasse, magere Mensch über ein solches Ausmaß an Kräften und eine derartige Ausdauer verfügte. Die Meinen deuteten mein Interesse falsch, sie hielten es für ein frühzeitig entwickeltes, überdurchschnittliches Musikverständnis, was zur Folge hatte, dass ich bei Fräulein Schwalbe gegenüber wöchentlich eine Klavierstunde nehmen musste, eine entsetzliche Quälerei, die sich jahrelang hinzog und mir manchen schönen Sommertag vergällt hat, bis endlich, endlich alle Beteiligten von der Fruchtlosigkeit dieses Unternehmens überzeugt waren und mein Vater die erste der großen Hoffnungen, die er an mich, sein einziges Kind, geknüpft hatte, seufzend an den dafür bestimmten Nagel hängte. …