Schwesternneid
Das Schnarchen meiner Schwester klingt fast schon melodisch, doch ein schöner Anblick ist das nicht.
Ich würde sie zu gerne zeichnen, komme hier dummerweise aber weder an Stift noch Papier.
Während Rita schläft, sitze ich da und nehme ihr Bild tief in mich auf. Bis morgen Früh werde ich mir jede Einzelheit eingeprägt haben.
Gestern Abend, bei der Benefizveranstaltung, da hätten wir uns besser zurückgehalten. Aber wer rechnet denn mit so was? Wie konnten wir uns nur in diese Lage bringen – nein, falsche Frage, wie konnte es nur so weit kommen, dass ein privates Gespräch im öffentlichen Raum zum Verhängnis wird?
Meine Schwester Rita und ich sind in einer Zeit aufgewachsen, in der man nicht ständig belauscht und kontrolliert wurde. Unsere Kindheit am Land fand unbeobachtet von den Erwachsenen statt.
Wenn es dunkel wird, habt ihr wieder daheim zu sein.
Und pass ja gut auf Pauline auf!
Dass Rita mich, die um fünf Jahre Jüngere, in freier Wildbahn gar nicht so bemuttert hatte, wie unsere Mami glaubte, war ebenso selbstverständlich wie Ritas tägliches Geige-Üben. Wegen ihrer außergewöhnlichen musikalischen Begabung spielte meine große Schwester schon als Vierjährige; ich habe sie immer nur übend gekannt. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Rita ist vor Kurzem sechzig geworden. Sie zählt zu den besten Geigerinnen Europas. Das war ein langer Weg. Und eigentlich sollte man meinen, sie gehöre zu den großen Namen, die doch alle kennen. Zu denen, die größere Hallen füllen. Doch meiner Schwester ist der Durchbruch – was für ein martialischer Begriff – verwehrt geblieben.
Im Gegensatz zu mir kümmert das Rita wenig. Sie mache Musik, ohne Unterschied, ob ihr drei Menschen oder dreitausend zuhören, so lautet ihr ständiges Credo.
Kompromisse gehen wir beide von jeher eher selten ein. Wäre es anders, wären wir heute Nacht auch nicht hier.