• Zum Inhalt springen
  • Zur Seitenspalte springen

Edition Atelier

  • Bücher
  • AutorInnen
  • Verlag
    • Über uns
    • Kataloge
    • Kontakt
  • Termine
  • Blog
  • Suche
  • Bücher
  • AutorInnen
  • Verlag
    • Über uns
    • Kataloge
    • Kontakt
  • Termine
  • Blog
  • Suche
« zurück

Anna Seghers im Garten von Jorge Amado | Leseprobe

Die drei Sapotillbäume sind noch jung, die Stämme schmal, zwischen den Blätterbündeln am Ende der fingerdicken Zweige brennt die Sonne herab. Sie stehen inmitten eines Wucherns aus tropischem Gesträuch mit giftig grünen Stengeln und fleischigen Blättern. Allenthalben blühen Bromelien und Bougainvilleen von betörender Buntheit, und in der Luft dieses Aroma von Fruchtbarkeit und Verwesung. Die Sapotillbäume werden überragt von dem breiten Brotfruchtbaum, seine Wurzeln stecken wie Bretter hochkant im Boden. In ihrem Schatten faulen herabgefallene Früchte, manche sind aufgeplatzt, das weiße Fruchtfleisch quillt heraus. Hoch über Sapotillbäumen und Brotfruchtbaum thronen Palmkronen, eine Brise weht vom Meer her und lässt die Wedel knarren. Und alles überwölbend der Tropenhimmel, gleißendes, fühlloses Blau, das die Augen tränen macht.

Der kleine Mangobaum, erst vor wenigen Tagen gepflanzt, ist schon wieder eine Spanne gewachsen, das mutet sie unheimlich an. Minutenlang schaut sie unverwandt auf ihn, vielleicht kann sie ihn wachsen sehen. Bist du noch bei Trost? Kein Wunder, sitzt in der glühenden Sonne. Sie rückt den Faltstuhl ein paar Schritte in den Schatten, behutsam, um das Mangobäumchen nicht zu verletzen, um sich selber nicht zu verletzen an den stachelbesetzten Opuntien, die allzu dünne Haut. Die Heftigkeit, mit der hier alles sprießt, in die Höhe klettert, sich umklammert und ineinanderschlingt zu einem Dickicht, das über ihr zusammenwächst. So wäre sie gefangen. So könnte sie nicht mehr weg aus diesem magischen Garten, hundert Jahre lang.

Ach, hier bleiben.

Sie trägt das Helle mit dem Kringelmuster und dem kleinen Kragen. Immer trägt sie solche Krägelchen, sittsam sieht sie aus, das zurückgekämmte weiße Haar zu einem Dutt aufgesteckt, von einer Haarspange zusammengehalten. Eine gütige Großmutter, nicht die Spur von Hexe. Aber die Augen mit den Lichtpünktchen. Abwägend. Durchdringend. In der Jugend ist sie schön gewesen, wie junge Frauen eben schön sind. Jetzt, an der Schwelle zum Alter (sie ist im gleichen Alter wie das Jahrhundert), ist sie eine Schönheit. Du bist eine Schönheit. Sie lacht, wenn Amado ihr das sagt. Auch Zelia sagt es. Sie will die Götter nicht eifersüchtig machen, die Orixas.

Das Kleid zu warm für dieses Klima, ein leichteres hat sie daheim nicht gefunden. Diese Leichtigkeit hat sie daheim nicht gefunden. Sie hat das Krägelchen und die obersten Knöpfe geöffnet, Schweißtropfen rinnen ihr das Rückgrat hinab, und zwischen den Brüsten auf den Bauch und in die Unterhose. Sie spürt ihren Körper. Seit sie hier ist, spürt sie ihren Körper wieder. Auch die Körper der anderen, die sie bei der Begrüßung umarmen, nach der Sitte dieses Landes. Auch die Körper der schlanken jungen Dinger in winzigen Bikinis (moça do corpo dourado) unten am Strand, und die Körper der jungen Männer, die im weißen Sand vor dem grünen Meer Fußvolleyball spielen, deren Muskeln spielen, unter schweißglänzender Haut.

Dies ist ein Land der Körper.

Es ist heiß und still. Mit dem Handtuch, das sie zu diesem Zweck mitgebracht hat, wischt sie sich den Schweiß vom Nacken und von der Stirn, auch die Arme wischt sie ab. Den Faltstuhl hat Paloma für sie aufgestellt, und João Jorge hat den Klapptisch herausgebracht, ihr Notizheft liegt darauf und zwei brasilianische Zeitungen. Die Fürsorglichkeit der beiden Kinder. Zwischen den Blättern der Agave hindurch, die wie ein halb im Boden vergrabenes Steuerrad mit dicken Speichen vor ihr aufragt, blickt sie auf Siri. Er liegt auf dem Boden, die roten Stelzen vor sich hingestreckt wie Zauberstäbe. Eine merkwürdige Positur für einen Vogel, findet sie. Er scheint sich nichts daraus zu machen. Was ist das für ein Vogel, der nicht fliegen kann? oder will? Wo gibt es das? Was ist das für ein Land?

(Diese Leseprobe ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder weiterverwendet werden.)

Zum Titel
  • Robert Cohen: Anna Seghers im Garten von Jorge Amado
  • teilen 
  • teilen 
  • E-Mail 

Seitenleiste

  • Robert Cohen: Anna Seghers im Garten von Jorge AmadoEs gibt ein Foto von Anna Seghers inmitten wild wuchernder Vegetation, 1963 im Garten des Dichters Jorge Amado und seiner Frau in Brasilien. Ausgehend von diesem Foto imaginiert Autor Robert Cohen in seiner Erzählung einen kurzen Augenblick des Nachdenkens der Dichterin, nicht in die DDR zurückzukehren …
↑
  • Kontakt
  • Impressum
  • Datenschutz
↑
Wenn die Ergebnisse der automatischen Vervollständigung verfügbar sind, benutze die Pfeile nach oben und unten, um sie zu überprüfen, und die Eingabetaste, um die gewünschte Seite aufzurufen. Nutzer von Touch-Geräten können durch Berührung oder mit Wischgesten suchen.

Newsletter

Unser Newsletter informiert Sie über Neuerscheinungen und aktuelle Veranstaltungen. Alle Informationen zu Versand und Abbestellung erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.