Peter überlebt. Der Einsatz der eisernen Lunge ist nicht vonnöten. Er kommt von der Isolierstation in ein Zimmer mit zwei weiteren Betten, das eine belegt ein anderer Poliopatienten, das dritte steht leer. Auf diesem Bett sitzt jetzt Johanna. Es ist so hoch eingestellt, dass sie hinaufspringen hat müssen und ihre Füße über dem beigen Linoleumboden baumeln. Durch die offene Tür zur Veranda hört sie die Stimmen von Peters Zimmergenossen und seiner Besucherin. Tauben krallen sich an den Ästen der alten Platanen fest, gurren unablässig und wissen nichts von dem ganzen Elend. Wie Krallen umklammern auch Johannas Finger ihre Knie. Eine Schwester hat sie ins Zimmer geführt und tauscht gerade Peters Infusion aus, die leere Flasche gegen eine mit klarer, Luftblasen schlagender Flüssigkeit. Anschließend bettet sie ihn höher, stopft ihm ein Kissen zwischen Rücken und Bettende, darum bemüht, Peters Oberkörper aufzurichten, aber er sackt immer wieder in sich zusammen.
»Dann lassen wir es für heute so!«, sagt sie, als wäre es einerlei, ob ihre Versuche zum Erfolg führen oder nicht.
Kaum hat die Schwester die Tür hinter sich zugezogen hat, fragt Peter: »Gibst du mir keinen Kuss?«
Ja, doch, natürlich!
Johanna springt vom Bett herunter, beugt sich über ihn und drückt ihre Lippen für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Stirn.
»G’scheit!«, sagt er, noch ehe sie sich aufrichten kann.
Sie gibt ihm einen zweiten Kuss. Auf den Mund. Seine Haut ist ja immer noch weich, wundert sie sich, als hätte sie erwartet, dass die Krankheit seinen Körper versteinern hat lassen. Als sie sich wieder zurückzieht, kann sie in Peters Augen sehen, wie er sie anfassen möchte, festhalten, und wie ihm gleichzeitig klar ist, dass er das nicht kann, dass er das nie wieder wird tun können.
Um nicht schreien zu müssen, beißt sie sich auf die Lippen.
»Aber du kannst sprechen!«, sagt sie schließlich leise.
»Natürlich kann ich sprechen!«, herrscht Peter sie an.
Verlegen blickt Johanna auf ihre Schuhspitzen. »Ich hab dich nicht verärgern wollen. Ich hab nur sagen wollen … du kannst sagen, was du brauchst und ich kann es für dich machen. Was immer du willst …« Sie schwingt mit den Füßen vor und zurück, bis es ihr mit einem Mal völlig unpassend vorkommt, in Peters Gegenwart Bewegungen zu machen, die nicht unbedingt notwendig sind.
Alle meine Namen | Leseprobe
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