2020 war ich im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Eigentlich wollte ich mit meinem kleinen Sohn Eisenbahnen und Flugzeuge bestaunen. Da entdeckte ich, dass das Museum der Stoffgeschichte des Zuckers eine ganze Etage widmet. Während das Kind seinen Mittagsschlaf hielt, streifte ich durch die Ausstellung, studierte Zuchttafeln der Runkelrübe, die Verwerfungen der Plantagenwirtschaft, Panzer von Riesenkrabben aus Chitin, einem Zuckerpolymer, moderne Rübenvollernter, zuckerbasierte Werkstoffe und Cyanobakterien.
Eine Welt aus Zucker.
Ich wusste gleich, ich hatte das Thema für meinen zweiten Roman gefunden.
Das Wettrennen zwischen den Kolonialzuckersiedereien und den neu gegründeten Rübenzuckerfabriken um die Vormachtstellung auf dem europäischen Markt ist ein faszinierendes Kapitel der Industriegeschichte. Es war geprägt von technologischen Innovationen, staatlichen Anreizsystemen, Handelsbeschränkungen, gesellschaftlichen Umwälzungen und moralischen Bedenken hinsichtlich der Sklaverei. Letztendlich setzte sich der Rübenzucker in Europa nach 1848 durch. Diese Episode in der überbordenden, nahezu zweitausendjährigen Geschichte des Zuckers wollte ich ins Zentrum meines Romans rücken und aus einer mitteleuropäischen, peripheren Perspektive beleuchten.
Die Zuckerfabriken in den (heute burgenländischen) Gemeinden Hirm und Siegendorf stehen exemplarisch für den Rübenzuckerboom im 19. Jahrhundert. Gegründet 1852 und 1853, ermöglichten sie ihren Eignern (Rothermann/Patzenhofer) den Aufbau von Vermögen und Einfluss. Rübenzucker wurde zu einer bedeutenden Exportware, spielte in Westungarn, Niederösterreich, Böhmen und Mähren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Schlüsselrolle in der regionalen Wirtschaft und war ein Motor für Innovationen im europäischen Maschinenbau.
Damit steht er exemplarisch für das, was den Beginn und die Blüte der Moderne kennzeichnet: das Versprechen von Fortschritt, die Umwälzung des Alltags durch die Technisierung der Arbeitsprozesse, die Entstehung des modernen Fabrikproletariats und einer bürgerlichen Unternehmerklasse sowie die schonungslose Ausbeutung aller natürlichen und menschlichen Ressourcen.
Wie schon in meinem ersten Roman Lektionen in Dunkler Materie erzähle ich die Geschichte aus der Perspektive mehrerer Figuren, die miteinander ein loses Netz bilden. Dies erlaubt es mir, über eine einzelne Geschichte hinauszugehen, die gegenseitigen Abhängigkeiten mitzuerzählen und die Bedingungen, denen die Figuren aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit unterworfen sind, zu kontrastieren.
Lange wusste ich nicht, wie ich die Gewaltgeschichte des Rohrzuckers in den Roman einarbeiten könnte, da sie jedes Maß sprengt. 2022 verbrachte ich längere Zeit in London und stieß dort auf das autobiografische Zeugnis von Mary Prince – das erste Buch, das in England von einer Schwarzen veröffentlicht wurde. Somit hatte ich meine sechste Figur gefunden. Marys Zeugnis ihres Überlebens als ehemalige Sklavin ist der Rübenzuckergeschichte vorangestellt; es schwebt über ihr und geht über sie hinaus. Bis heute stammt der Zucker auf dem Weltmarkt zu zwei Dritteln aus Rohrzucker, der unter Arbeitsbedingungen produziert wird, die teilweise sklavereiähnlichen Verhältnissen gleichen. Nach wie vor werden Böden und Ökosysteme durch die intensive Plantagenwirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen.
Wir stehen heute, am Ende der Spätmoderne, vor den Scherben des Glücksversprechens des Zuckers.
Zucker ist der Treibstoff des Lebens. Jahrhundertelang war er ein Luxusprodukt, nun ist er billige Energie für die Armen. Zucker ist Rausch, Freude, Gift. Und immer auch ein Versprechen. Denn wie jeder Stoff überschreitet Zucker die Grenzen von Körpern, Staaten, Epochen und Ökosystemen.
Diese Ambivalenz des Zuckers finde ich einen seiner spannendsten Aspekte – gerade, da wir in einer Zeit leben, in der Ambivalenz schlecht ertragen wird.
Ich hoffe, es gelingt dem Roman, die Ambivalenzen seiner Figuren, seines Stoffes und seiner Gemachtheit offenzulegen und nicht zu glätten.