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Michael Baiculescu über Erich Frieds »Johnny will leben«

17. September 2025Edition Atelier

Auszug aus dem Nachwort

Die Geschichte von »Johnny will leben«, das bis heute nicht aufgeführt wurde, ist nicht nur die Geschichte eines Theaterstücks, sondern auch die einer geistigen Verwandtschaft zweier Autoren: Jura Soyfer, der 1939 im KZ Buchenwald zu Tode gebracht wurde, und Erich Fried, der 1938 ins Londoner Exil flüchten konnte und überlebte.
Jura Soyfer, 1912 in Charkow, noch im russischen Zarenreich geboren, kam mit seinen Eltern 1921 nach Wien. Bereits mit 15 Jahren begann er, sozialistische Schriften zu lesen, und als er 1931 die Schule abschloss, erschienen bereits wöchentliche Satiren von ihm in der Arbeiterzeitung und weiteren Zeitschriften.
1934 trat er der bereits illegalen Kommunistischen Partei bei. Ab 1935 wurden Stücke von Soyfer auf der Wiener Kleinkunstbühne ABC aufgeführt. Dies war möglich, weil das ABC weniger als 50 ­Sitzplätze hatte und deswegen nicht unter die Bestimmungen des austrofaschistischen Theatergesetzes fiel. So bot sich auf diesen Kleinkunstbühnen die einzige Möglichkeit für politisches Theater.
Diese Situation hat die Form der Theaterstücke von Soyfer entscheidend geprägt. Sie sind alle nicht für ein großes Theaterhaus geschrieben – was die Rezeption von Soyfers Stücken in der Nachkriegszeit sehr behindert hat.
Als Jura Soyfer im Februar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald verstarb, war sein Name in der Öffentlichkeit schon nicht mehr bekannt. So unbekannt, dass sein Werk nicht einmal auf den Verbotslisten der Nationalsozialisten aufscheint. Und doch war es lebensgefährlich, im Besitz eines Soyferschen Textes zu sein. Seine Eltern und Freunde vernichteten aus Angst Teile seines Werkes. Otto Tausig berichtete später, wie Soyfers Werk doch weitgehend gerettet werden konnte:
»In den Koffern einiger Menschen, die nach 1938 emigrierten, lag, zwischen Hemden oder ein paar Büchern verborgen, ein handgeschriebenes Gedicht oder eine Szene, ein ausgeschnittener Zeitungsartikel oder ein fast vollständiges Theaterstück. Die Menschen kannten sich vielleicht kaum oder gar nicht; sie reisten nach verschiedenen Richtungen …«
So gelangten die Texte ins Ausland.

(…)

Jura Soyfers Stücke waren sowohl in den Traditionen des Volksstücks verankert als auch dem epischen Theater Brechts sehr nahe. Mit dem 1937 geschriebenen Vineta entfernt er sich aber vom Volksstück und entwickelt ein Stück, dessen Sprache absurde Züge annimmt und deren Handlung geradewegs dem Abgrund und der Vernichtung entgegensteuert. Diese Parabel wurde oft als Warnung vor dem Faschismus und als Anklage derjenigen, die sich dieser Gefahr gegenüber indifferent verhalten haben, gedeutet, ist aber auch als Vorläufer des absurden Theaters der fünfziger Jahre zu sehen.
Erich Frieds Bühnenbearbeitung »Johnny will leben«, oder »Johnny in Jumne«, holt das Stück in die Gegenwart der 60er Jahre. Die Katastrophe ist bereits geschehen und die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft hat gar nicht realisiert, dass sie untergegangen ist. Johnny reklamiert verzweifelt, dass man nicht vergessen darf und die Katastrophe begreifen lernen muss, um leben zu können. Doch der Schreiber antwortet ihm: »Alles Nötige wurde bewältigt. Da kannst du beruhigt sein. Die … na sagen wir, die Flutschäden wurden repariert – alles wieder aufgebaut wie zuvor. – Die Gewerbetreibenden erhielten reichliche Entschädigung, alle unsere Einrichtungen funktionieren wieder … Was willst du eigentlich? Nur alte Wunden aufreißen?«
Um auf die bundesrepublikanische »Vergangenheitsbewältigung« (ein ebenso entlarvendes wie übliches, als auch für diese Zeit zutreffendes Wort) zu verweisen, wollte Fried auch jeden Wien-Bezug vermeiden, weshalb er aus Vineta Jumne machte.
Fried war in den 60er Jahren politisch sehr nahe zur Außerparlamentarischen Opposition. Das spiegelt sich in seiner Bearbeitung. Das fünfte Bild mit den auf dem Fleck stehenden Demonstranten in Jumne ist als Anspielung auf Arbeiter:innendemonstrationen in Berlin zur Unterstützung der USA im Vietnamkrieg zu verstehen. Auch andere Anspielungen auf den Vietnamkrieg und andere Gewalttätigkeiten der kapitalistischen Welthälfte – auch in der BRD – finden sich in Frieds Bearbeitung zuhauf.
Fried schreibt an Otto Tausig, wie wichtig ihm das Bild der umfassenden menschlichen Entfremdung in diesem Stück ist. Sein Entfremdungsbegriff ist geprägt von Herbert Marcuses damals stark diskutiertem Buch Der eindimensionale Mensch. Marcuses These von der formierten Gesellschaft, in der die völlige Integration aller, auch und besonders des Proletariats, vollzogen ist, hat ja heute eine neue und sehr aktuelle Bedeutung erlangt.

(…)

»Johnny will leben« ist in der von Michael Baiculescu herausgegebenen Buchreihe »Marsyas« erschienen. »mehr Infos

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Kategorie: Sprechen über Literatur, Programm
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Foto: INTERFOTO/Brigitte Friedrich