Der Juni ist – in Anlehnung an die als Stonewall-Aufstände bekannten Geschehnisse im Juni 1969 – zum globalen Pride Month geworden. Einen Monat lang, und besonders während den Pride-Paraden – in Wien stattgefunden am vergangenen Samstag –, werden die Vielfältigkeit und Freiheit von Identitäten und Sexualitäten gefeiert. Mit unserem neuen Schaufenster wollen wir zeigen: Auch die Literatur hat zu diesem zeitlos wichtigen Thema einiges zu sagen!
»The world belongs to those who read«, formuliert es der Autor Rick Holland. Was aber gibt Lesenden Stärke für die Mission »Leben in dieser Welt«? Vielleicht können wir die Potenziale des Lesens in zwei Bereiche einteilen: das Verstehen und das »Sich-verstanden-Fühlen«.
In die Welten eines Buches einzutauchen, ermöglicht uns also einerseits, uns mit den Figuren zu identifizieren und uns damit als Teil eines kollektiven Erlebens zu wissen. Anderseits nehmen wir an ihrer Seite auch andere Sichtweisen ein, lassen uns für Konflikte sensibilisieren und erlangen so neue Perspektiven.
Mit beiden Erfahrungen gelangen wir im besten Fall zu neuer Motivation, Stärke und Kreativität, und die braucht es dringend, um die derzeitigen Krisen – von der Erderwärmung bis zur Bekämpfung sozialer Ungleichheiten – zu bestreiten.
Lesen wir also gemeinsam los – zum Beispiel mit folgenden Büchern aus unserem Schaufenster.
Ursula Knoll: Lektionen in dunkler Materie
Wenn Menschen scheinbar aus dem Nichts ausflippen, steckt manchmal ganz schön viel dahinter. Mit diesem Zusammenspiel aus unerwartet auftretender Unkonventionalität und durchweg begründbarer Wut gehen die Frauen in Ursula Knolls Geschichte auf die Barrikaden. Sie stehen damit für soziale Gerechtigkeit ein – die in Kindertagesstätten, Supermärkten und Asylämtern genauso verbesserungsbedürftig ist wie weit weg auf der Raumstation ISS .
Ursula Knoll selbst sagt im Gespräch mit Sophie Menasse von Ex libris / Ö1: »Wir beschäftigen uns, gerade auch medial, wirklich sehr viel mit sehr vielen toxischen Männern, die auf wichtigen und mächtigen Positionen sitzen und ihre diversen Spiele treiben mit den diversen Konsequenzen für diese Welt, und das war mein Versuch, einen Roman mit wütenden Frauen dagegenzusetzen und eben auch mal Geschichten zu erzählen, die nicht so oft erzählt werden.«
Andreas Jungwirth: Wir haben keinen Kontakt mehr
Andreas Jungwirths Wir haben keinen Kontakt mehr beleuchtet auf 80 Seiten das Leben und Umfeld des Protagonisten David – und das ganz ohne dessen eigene Perspektive. Stattdessen berichten in 14 Episoden 14 voneinander unabhängige Menschen von ihren markanten Begegnungen mit David – als Freund, Bekannter oder Liebhaber. Neben der Homosexualität des Protagonisten wird die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Charaktere deutlich. Sandra, die David auf der Uni kennengelernt hat, umreißt das aus ihrer Perspektive schön:
»Auch meine beiden Kinder sind von einem Mann, der früher schwul gewesen ist und jetzt hetero, das glaubt immer niemand, dass es das gibt. Aber das gibt’s auch in diese Richtung. Was weiß ich, wie das geht. Ich weiß nur eines: Es gibt so vieles. Alles gibt’s. Einfach alles. Auch Sachen, die dir nie und nimmer einfallen würden.«
Genau dieses Alles feiern wir im Pride Month und mit diesem Buch!
Im Atlas begleiten wir David und Stefan auf ihrer Reise von Marrakesch in die Wüste. Das Ziel: der Anblick des einzigartigen Nachthimmels. Doch die Reise steht schon vor Beginn unter keinem guten Stern. Einen Tag vor dem Abflug geht ein Video von der Ermordung zweier Däninnen im Touristenort Imhil viral. Stefan will den Flug stornieren. Aber David, der sich von den Bildern auf seltsame Weise angezogen fühlt, überredet ihn, die Reise anzutreten. In Marokko bleibt die Stimmung angespannt. Sie sind sich uneinig, ob sie ihre Beziehung hier offen zeigen sollen, und ihr Fahrer Kalifa erscheint ihnen von Tag zu Tag rätselhafter. Als er David und Stefan im Hohen Atlas auf der Straße sitzen lässt, wandern sie wohl oder übel zum nächstgelegenen Ort: ausgerechnet nach Imhil …
Andreas Jungwirth führt uns in seinem Reiseroman versiert und zielsicher auf die abseitigen, unbetretenen Pfade – zu einer Beziehung, zur Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und schließlich über die Grenzen des Erwartbaren.
Außerdem im derzeitigen Schaufenster zu finden:
Barbara Kadletz´ Roman Schattenkühle, der die schwere Thematik des Klima- und Umweltschutzes mit einer sanften Brise Humor versieht, Paul Divjaks Hommage an die Geste Winken sowie seine Vorbereitungen auf die Gegenwart und Gin Müllers und Birgit Peters eindrucksvolles Portrait des Sodom Vienna-Kollektivs.
Wir wünschen allen einen farbenfrohen und lesefreudigen Pride Month!