Nathalie Rouanet über ihren Roman »Indienrot«
Amrita Sher-Gil (1913 in Budapest/Österreich-Ungarn geboren, 1941 in Lahore/Britisch-Indien gestorben) gilt noch heute als eine der bedeutendsten Vertreter:innen der modernen indischen Kunst. Als Teenager übersiedelte sie mit ihrer Familie nach Paris, um Malerei zu studieren und früh erste Erfolge zu feiern. Inmitten der Bohème führte Amrita ein ausschweifendes und neugieriges Leben, doch nach einigen Jahren zog es sie nach Indien zurück. Während ihrer ausgeprägten Reisen durch den Subkontinent wurde ihr Interesse für alte indische Kunst geweckt, die sie mit der Farb- und Formgebung der Pariser Avantgarde kombinierte und so zu ihrem eigenen Stil fand. In ihrem kurzen Leben schuf sie eine Vielzahl an bemerkenswerten Gemälden, auch deshalb wurde sie schon zeitlebens als »indische Frida Kahlo« bezeichnet. In Europa muss sie noch immer erst wiederentdeckt werden. Nathalie Rouanet hat der Künstlerin in ihrem Roman Indienrot ein literarisches Denkmal gesetzt.
In Österreich und Deutschland ist die Künstlerin Amrita Sher-Gil weitgehend unbekannt. Wie bist du auf sie gestoßen? Wolltest du von Anfang an eine literarische Biografie über sie schreiben?
Ich bin 2006, anlässlich meiner ersten Indien-Reise, auf Amrita gestoßen, in der National Gallery of Modern Art in Delhi. Dort war ihr ein Raum gewidmet, allerdings ohne jegliche Information abseits ihrer Lebensdaten. Ihre leuchtenden Farben, ihre Schönheit auf den Selbstbildnissen und ihr offensichtlich tragisches Schicksal (sie ist mit 28 gestorben) haben mein Interesse geweckt, ich war aber davon überzeugt, dass schon jemand über sie geschrieben haben musste. Erst als ich nichts fand, überlegte ich, weiter zu forschen. Die literarische Form kam viel später.
Du hast im Text Stilmittel des Films verwendet, Regieanweisungen, Kameraeinstellungen und Kamerafahrten beschrieben und lenkst so den Blick der Betrachter:innen/der Leser:innen. Woher kam diese Idee und wie verbindet sie sich mit Amritas Biografie bzw. mit deinem Text?
Als ich begonnen habe, das gesammelte Material in Form zu bringen, übersetzte ich gerade viele Drehbücher fürs Kino (bes. die vierteilige Serie von Andreas Prochaska Maximilian, das Spiel von Macht und Liebe, ein historischer Film mit zeitgenössischer Herangehensweise). Ich fand die Drehbuchsprache eigentlich sehr bildhaft und machte einen ersten Versuch mit einer Sequenz (die Szene vom Anfang mit den zwei kleinen Mädchen) ausgehend von einer Fotografie des Arbeitszimmers des Vaters mit den vielen Geräten, auf dem nur der Vater Umrao Sher-Gil und Indira, die kleine Schwester, zu sehen sind. Ich erfuhr auch, dass sich der Vater für die neuen Errungenschaften der Ton- und Bild-Technik begeisterte und damit experimentierte. Außerdem war Amritas Bilderwelt von den Opern und Stumm- oder Tonfilmen geprägt, die sie in der Kindheit gesehen hatte. Schon als Achtjährige zeichnete sie Messalina, Madame Butterfly, Rudolf Valentino oder Conrad Veidt und schwärmte in ihrem Tagebuch von ihren Vorbildern.
In deinem Text und deiner Sprache erkennt man klare Bezüge zur Amritas Malerei: leuchtende Farben, klare Konturen, aber auch durch diese Mittel eine opulente Art der Darstellung. War das eine bewusste Entscheidung von dir, mit dem Text eine sprachliche Nähe aufzubauen, oder war die Ähnlichkeit von vorneherein auch das, was dich an ihr fasziniert hat?
Ich habe nie Parallelen zwischen Amrita und mir gezogen! Ich fand im Gegenteil ihre Zielstrebigkeit, ihre Hartnäckigkeit, selbstständig arbeiten und leben zu wollen, keine Kinder zu haben und sich ausschließlich ihrer Kunst zu widmen, bewundernswert. Das Bildhafte im Roman kommt daher, dass ich von ihren Gemälden und den Fotos ihres Vaters ausgegangen bin, um das Familienleben, die Landschaften, die Interieurs und den Kleidungsstil zu rekonstruieren. Ich bin überhaupt ein visueller Typ und beschreibe gerne Situationen im Detail (Farben, Materialien, Geräuschen, Musik), um Stimmungsbilder zu kreieren. Und das würde ich nicht einmal als Stilmittel, schon gar nicht als Kunstgriff bezeichnen, ich kann nur nicht anders!
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