Andreas Jungwirth über seinen Roman »Alle meine Namen«
In seinem neuen Roman »Alle meine Namen« erzählt Andreas Jungwirth von einem außergewöhnlichen Frauenleben voller Mut, Selbstbestimmtheit und Liebe. Als Johanna erfährt, dass ihr Verlobter Peter nach seiner Polio-Erkrankung zum Pflegefall wird, heiratete sie ihn allen Widerständen zum Trotz. Sie setzt sich nicht nur gegen ihre Familie durch, sondern auch gegen die festgeschriebenen Rollenmuster und gesellschaftlichen Erwartungen. Im Gespräch gibt Andreas Jungwirth Einblick in denn Entstehungsprozess und erzählt vom realen Vorbild für die Protagonistin »Johanna«, seiner Tante Hansi.
Wie würdest du die Frau mit den vielen Namen, die im Zentrum deines neuen Romans steht, charakterisieren?
Ich habe eine Tante. Sie heißt Tante Hansi und ist die Schwester meiner Mutter. Hansi – wie mein bester Freund im Kindergarten, Volksschule und Gymnasium. Tante Hansi trug für mich als Kind einen Männernamen und war mit einem Mann verheiratet, der von Kopf bis Fuß gelähmt war. Wenn man ihm die Hand gab, war sie warm und leblos gleichermaßen. Erst später habe ich erfahren, dass er als junger Mann Polio hatte und meine Tante den bereits Erkrankten gegen alle Widerstände ihrer Umwelt geheiratet hatte.
Was hat dich veranlasst, dieser Frau eine Stimme zu geben?
Als vor zehn Jahren mein Vater starb, hat sich die gesamte Verwandtschaft versammelt. Zum ersten Mal brachte ich meinen Lebensgefährten mit. Der Großteil der Verwandtschaft sah einfach darüber hinweg. Meine Tante Hansi war die Einzige, die sich für ihn/für uns interessiert hat, seitdem Grüße an ihn bestellt und wenn sie mir zu Weihnachten Socken strickt, bekommt mein Lebensgefährte auch welche. Warum sie sich anders verhielt als die anderen, mag an der Erfahrung mit ihrer eigenen non-konformen Beziehungsform liegen.
Wie entstand die Idee zum Roman?
Meine Mutter organisierte zu ihrem 75. Geburtstag ein Fest. Ich besuchte im Vorfeld alle Gäste mit Mikro und Aufnahmegerät, stellte jedem/jeder drei Fragen und montierte ein Hörstück. Ich besuchte auch meine Tante Hansi. Sie stellte sich als brillante Erzählerin heraus, holte beim Erzählen die Erlebnisse in die Gegenwart und erzählte von Dingen, die sie nicht wissen kann, als wäre sie dabei gewesen. Ich habe ihr einen Brief geschrieben, mit der Frage, ob sie mir ihr Leben erzählen würde. Sie dachte nach und stimmte zu. Wir trafen uns bei ihr zum Essen, sie kochte, wir aßen, dann stellte ich meine Fragen und sie antwortete. Aus den sechs Gesprächen, die wir führten, entstand eine ca. 250 Seiten starke Abschrift.
Was möchtest du den Leser:innen deines Romans »Alle meine Namen« mitgeben?
Vor etwa eineinhalb Jahren – ich war bereits mit der Entwicklung des Romans beschäftigt, mit der Handlung, den zentralen Figuren und damit, was ich eigentlich erzählen will – begegnete ich einer Frau um die 40, die mich beeindruckt hat, weil sie politisch und sozial auf eine Weise engagiert war, die mir gefiel, und die zufälligerweise denselben Familiennamen wie meine Tante trug. Bei unserem ersten Treffen sagte diese Frau in einem Nebensatz »ich tu mir schwer, wenn man mich als Frau anspricht«, sie sagte, sie identifiziere sich nicht mit den klassischen weiblichen und männlichen Rollen. Zum ersten Mal habe ich mich mit einer non-binären Person ausführlich unterhalten, was es für sie bedeutet, sich nicht mit einem Geschlecht zu identifizieren. Eine meiner Fragen war: Wen begehrst du, Frauen oder Männer? Sie (die Person) sagte: Menschen.
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