Edition Atelier: Wie kommen diese unterschiedlichen Geschichten, diese höchst unterschiedlichen Protagonistinnen mit ihren Schicksalen zu dir?
Simone Schönett: Wenn ich das nur wüsste … Vielleicht habe ich gute Antennen für das, was in der Luft liegt. Künstler*innen ahnen bzw. spüren ja oft brisante Themen oder gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände, noch bevor die Allgemeinthema werden. Es stimmt, die Geschichten kommen zu mir, aber wie? Manche meiner Figuren begegnen mir zufällig beim Zeitunglesen, andere tauchen aus meiner Fantasie auf; manche Ideen kommen mir beim Zuhören, andere wiederum beim Zuschauen. Ganz andere tauchen beim Nichtstun wie aus dem Nichts auf. Ich bin – keine schlechte Voraussetzung für meinen Beruf – ziemlich neugierig, eine aufmerksame Lauscherin und Beobachterin. Aber am wichtigsten ist mir das Gespür, z.B. beschreibe ich meine Protagonistinnen gar nicht äußerlich, sondern »zeichne« ihr Inneres nur mit ein paar »Strichen«, das macht meine Personen dennoch deutlich; jeder kann sie sich vorstellen, aber alle haben dabei verschiedene Bilder der Person.
Du gehst ziemlich schonungslos mit deinem Figurenpersonal um, scharfkantig ist deine Sprache und sind die Umstände, in die die Frauen geraten bzw. sich befinden. Gleichzeitig schimmert immer wieder leichte Ironie durch. Wie wichtig ist dir diese Gleichzeitigkeit?
Ich teile diese Einschätzung – schonungslos mit meinem Figurenpersonal – nicht, habe das aber auch schon öfters gelesen, nun, das ist halt griffig als Formulierung und wird einfach unreflektiert übernommen. Deswegen will ich hier festhalten, dass ich mit meinen Figuren sehr liebevoll umgehe – sogar dann, wenn ich sie nicht besonders mag. Das mir zugeschriebene »Schonungslose« liegt vielmehr an der Welt, in der sich meine Personen bewegen, an den Lebensumständen oder den Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind oder in die sie – meistens ungewollt – geraten.
Diese unschönen Auswüchse der Menschheit sind ja etwas, das jeder für sich ausschließt, dabei lauern die in eigentlich jedem Menschen, und zwar ganz knapp unter der dünnen Firniss der friedlich-zivilisierten Gesellschaft. Das ist ja das Erschreckende, das man irgendwie kennt, aber doch nicht an sich heranlassen will.
Literatur vermag ja viel, aber an den realen Umständen vermag sie leider keinen Deut zu verändern. Sie kann aber – im besten Fall – Gefühle auslösen, Raum für Unrechtsbewusstsein schaffen oder eben auch zum Lachen bringen. Subtiler Humor, Ironie, Sarkasmus sind mir ziemlich wichtig, ein unverzichtbarer Teil meiner Literatur. Leider geht das in der Wahrnehmung der aktuellen Erzählungen oft (zugunsten des »Schonungslosen«) unter …
Mit welchen Worten würdest du Leser:innen deinen neuen Erzählband Beim Barte der Prophetin ans Herz legen?
Fürchtet euch nicht! (lach*)