Was hat dich veranlasst, die Untiefen der globalen, durchindustrialisierten Fleischindustrie ins Zentrum deines neuen Romans zu stellen?
Nahrung ist neben Wasser das existentiellste Thema für Menschen, darum verlaufen die Diskussionen darüber wohl auch so emotional und oftmals zynisch. Das Problem sind die vielfältigen Formen von Gewalt, die uns dabei als notwendig, als selbstverständlich und auch als unveränderbar vermittelt werden. Die Produktion von Fleisch in unseren europäischen kapitalistischen Gesellschaften bedeutet ja nie »nur« die Ausbeutung von Tieren, sie geht immer mit der Ausbeutung von Menschen und von ganzen Landstrichen, regional und global, einher. All diese Formen von Gewalt sind nicht voneinander zu trennen. Eine so offensichtliche Tatsache, die sicher keine neue Erkenntnis ist, literarisch zu erzählen und künstlerisch darzustellen, ist mir am Anfang fast unmöglich erschienen. Diese, wie jede andere gewinnbringende Anwendung von Gewalt, wird ständig unsichtbar gemacht – wir werden von ihr abgelenkt. Oder wir sehen sie nur in besonders brutalen Bildern vermittelt, gegen die wir uns emotional sofort in Stellung bringen, weil wir sie als Angriff auf uns wahrnehmen.
Ich habe das alles mit jener Form der Brutalität kontrastiert, die uns derart amüsiert, dass wir sie uns allabendlich im Fernsehen ansehen: der Mord- oder Kriminalfall. Klar, diese plakative, fassbare, menschliche und emotional auch nachvollziehbare Gewalt ist viel faszinierender, sie erlaubt uns den täglichen Eskapismus. Eine unterhaltende Gewalt, die von der zerstörerischen ablenkt. Wie beschreibt man aber wiederum diese banalisierte Gewalt, die tagtäglich die Chronik-Seiten der Boulevardblätter füllt? Wie zeigt man die Funktion dieses Trivialen in unserer Wahrnehmung der Welt auf? Mein Roman ist der Versuch einer Antwort darauf: Vielleicht gelingt das wieder nur durch die Inszenierung immer weiterer Ablenkungen, einer ständigen literarischen Ablenkung von der Ablenkung.
Wie entstand die Idee zum Roman?
Ich war für ein Kunstprojekt eingeladen, über eine kleine Fleischerei in einem kleinen Ort in meinem Heimatland einen »europäischen« Text zu verfassen, und der Besuch dort hat mich in meine Kindheit zurückkatapultiert. Der Anblick der Vitrinen hat dafür schon ausgereicht: Pasteten, Speck, Salami, Schinken. Diese Fleischerei war die Inspiration für die Hauptfigur, daraus hat sich dann der Rest entwickelt. Denn als Erwachsene habe ich natürlich nicht mehr den unverstellten Blick auf all diese Herrlichkeit in der Vitrine. Aber die nostalgische Freude daran ist auch nicht einfach aus der Welt zu schaffen. Das ist mein Dilemma, und auch das Dilemma meiner Hauptfigur.
Was möchtest du den Leser:innen deines Romans Die Ablenkung mitgeben?
Ich finde den ansteigenden, allgegenwärtigen Zynismus gegenüber Menschen, die sich dem Klima- oder Tierschutz verschreiben, für unsere Zeit ziemlich auffällig. Warum verärgert das so viele Menschen? Was nehmen Menschen überhaupt als Gewalt wahr, was ist für die einen ein Unrecht und für die anderen Normalität – und warum? Und was sagt das über uns alle aus?
Elena Messner
Die Ablenkung
Roman
Halbleinen mit Lesebändchen
184 S, 22 Euro
erscheint am 4. September 2025