Teresa Kirchengast ist eine Meisterin darin, Figuren zu erfinden, die man sich im realen Leben als Freund:in wünscht. In ihrem neuen Roman Anatomie der Geborgenheit begleiten wir Anni durch ihren Alltag im Café Zimtschnecke und treffen auf mitunter sehr außergewöhnliche (Stamm-)Gäste.
Wie kommen Anni, die Hauptfigur deines Romans Anatomie der Geborgenheit und all die unterschiedlichen weiteren Protagonist:innen mit ihren Schicksalen zu dir?
Um ehrlich zu sein, frage ich mich das selbst manchmal! Die Charaktere tauchen plötzlich in mir auf … Otto und Ivo zum Beispiel existieren seit über zehn Jahren in meinem Kopf – und haben da gewartet, bis sie jetzt in der Zimtschnecke einen Platz gefunden haben. Ich erinnere mich auch noch, als Puff-Walter zu mir kam: Ich hatte wenig geschlafen, war müde und döste daheim bei meinen Eltern auf der Küchenbank. Ich dachte über die Geschichte nach und plötzlich spazierte Puff-Walter in das Lokal und damit in die Erzählung. Ich weiß noch, dass ich mich darüber sehr gefreut habe. So geht es mir überhaupt mit allen Protagonist:innen. Ich mag sie alle als Personen und das, was sie mitbringen an Gedanken, Sorgen, Freuden wirklich sehr gern.
Wie entstand die Idee zum Roman?
Meist habe ich nur eine vage Idee zu Charakteren und Plot, wenn ich mich an meinen Schreibtisch setze und die ersten Zeilen schreibe. Oft ist es erst mal ein einzelner bestimmter Gedanke oder ein Gefühl, das mich antreibt. Hier war es der Wunsch, einen Ort zu erschaffen, an dem einen jemand vorurteilsfrei mit einem großen Herz erwartet und wo sich deswegen jede:r geborgen fühlen kann. Es entspringt meiner Überzeugung, dass die eigene kleine Welt jeder Person ein guter Ort sein kann, um zu leben – auch, wenn uns die Nachrichten global manchmal ein anderes Bild vermitteln.
Was möchtest du den Leser:innen deines Romans Anatomie der Geborgenheit mitgeben?
Dass es sich immer lohnt, Menschen vorurteilsfrei gegenüberzutreten und einen zweiten Blick auf sie zu wagen. Dass es eine Grundvoraussetzung für ein gutes Zusammenleben ist, Respekt vor den Schicksalen, Entscheidungen und Meinungen seiner Mitmenschen zu haben. Dass in jedem und jeder etwas Liebenswertes steckt und Dinge selten so eindeutig sind, wie sie im ersten Moment scheinen. Die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß wahrzunehmen und anzuerkennen ist anstrengend; würdigt die Realität aber weit mehr, als vereinfachtes Schubladendenken. Erst das Unperfekte, die Brüche und Risse in Biografien sind das, was uns alle zu nahbaren Menschen macht.
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