Wie kam das Thema deines Romans Selige Unruhe zu dir, was hat dich inspiriert, das Tun engagierter Frauen der Gegenwart und der Vergangenheit zu verknüpfen?
Ich trage stets verschiedene Themen mit mir herum, manche sind neu und noch recht vage, und andere wiederum trage ich bereits seit vielen Jahren und lasse sie wuchern. Ein Buch ist auch immer eine gute Gelegenheit, sich mit einem Thema intensiver zu beschäftigen. Bei diesem Roman waren es die Beginen und generell die Häretikerinnen und Ketzer:innen des Mittelalters. Vielleicht gab der Roman Q vom Autorenkollektiv Luther Blissett, den ich vor gut 20 Jahren gelesen habe, einen ersten Anstoß. Vor ein paar Jahren haben ich mich dann in die Geschichte der Beginen, diesem mittelalterliche Frauenlaienorden, eingelesen, bin in der Folge auf die Begine und Mystikerin Marguerite Porète gestoßen. Simone Weil, die ich bereits kannte, habe ich erneut gelesen. Eine Bekannte hat mich außerdem auf Dorothee Sölle aufmerksam gemacht. Was mich hier fasziniert, ist die Kraft, die diese Frauen aus der Mystik schöpfen, und sowohl bei Weil als auch bei Sölle ihre politische Klarheit und ihre oppositionelle Haltung. Im Roman zitiere ich einen Satz von der Theologin Sölle: »Wer will, dass die Welt bleibt, wie sie ist, hat schon in ihre Selbstzerstörung eingewilligt und so die Gottesliebe mit ihrem Ungenügen am Gegebenen verraten.« Der Satz ist einfach stark – egal ob man an Gott glaubt oder nicht. Dieser Themenkreis und die Radikalität, die darin steckt, waren mein Ausgangspunkt.
Recht bald war für mich klar, dass ich einen mittelalterlichen und einen gegenwärtigen Handlungsstrang schreiben möchte, um die unterschiedlichen sozialen Dynamiken aufeinanderprallen zu lassen. In beiden Strängen geht es um ein Kloster und um einen Widerstand, der sich jedoch aus unterschiedlichen, aber ähnlichen Quellen speist. Und für mich war auch von Anbeginn klar, dass die Protagonistinnen sowohl im historischen als auch im gegenwärtigen Romanteil Frauen sein müssen und ich sie aus ihren sozialen Positionen heraus agieren lasse.
Im letzten Sommer wurde viel über die Geschichte von den drei Nonnen im Kloster Goldenstein berichtet. Sie handelt von drei älteren Schwestern, die sich von der Obrigkeit der Kirche hintergangen fühlten, aus ihren Altenheimen geflohen sind und sich ihr Kloster wieder angeeignet – also besetzt – haben. Das liegt thematisch ähnlich zu meinem Roman – nur ist es eine reale Geschichte von drei Frauen, die für ihre Autonomie und gelebte Gemeinschaft kämpfen. Auch wenn ich den Roman bereits abgeschlossen hatte, als diese Geschichte an die mediale Öffentlichkeit kam, finde ich, passt sie gut zum Stoff von Selige Unruhe.
Wie entstand die Idee zum Roman?
So genau weiß ich das gar nicht mehr. Es gab eine Liste von Romanen in meinem Kopf, die ich gern schreiben wollte – und in gewisser Weise gibt es sie immer noch. Ganz oben stand, über die Zeit des Nationalsozialismus in Innsbruck zu schreiben. Das war mit meinem Debütroman Die Erinnerten erledigt. Beim ersten Buch war die Frage, wie kann ich die sozialen Dynamiken des Faschismus erzählen.
Als das Buch geschrieben war, setzte ich mich daran das nächste Romanthema anzugehen: die Beginen sowie die Ketzer:innen und Häretikerinnen des Mittelalters. In diesem Roman geht es mir darum, sowohl individuelle als auch kollektive Handlungsmöglichkeiten zu erzählen. Da unterscheidet sich zwar das Mittelalter von der Gegenwart, aber Normen, Zwänge und ökonomische Verwerfungen gab es damals und gibt es heute. Mein konkreter Ausgangspunkt war das Ohnmachtsgefühl, das mich immer wieder befällt. Was können wir heute überhaupt noch tun? An allen Ecken und Enden Krisen und Katastrophen. Ich erlebe die Gegenwart als gefährlich und geradezu wahnhaft – autoritäre und faschistische Politiken durchziehen und untergraben immer mehr das politische Feld. Begleitet von einer ungeminderten patriarchalen Gewalt – sei sie rhetorisch, diskursiv, psychisch oder physisch. Das ist allerdings recht abstrakt formuliert, wie auch das Ohnmachtsgefühl sich besser dazu eignet, die Gegenwart in abstrakte Begriffe zu kleiden, als aktiv zu werden und zu handeln. Die Idee zum Buch kommt also aus der Wahrnehmung der Gegenwart und dem Impuls, eine andere Erzählung stark zu machen, die genauso existiert – sowohl gegenwärtig als auch historisch. Dabei denke ich an die Beginen, die eine andere Vorstellung von Leben und Gemeinschaft hatten und die damals versuchten, in dem sozialen Gefüge des Mittelalters einen Platz für sich zu erschaffen – also ganz konkret für Frauen in Städten neue und andere Lebensformen möglich zu machen. Da war dann nicht alles gut und schön, sondern es wurde zunächst einmal nur eine Ordnung durcheinandergebracht oder erweitert. Das passiert im Roman auch. Dort gibt es auch einen kurzen Bezug zur Klimabewegung, die ich ebenfalls für sehr wichtig halte, auch wenn sie medial nicht mehr so präsent ist und den Schwung etwas verloren hat. Was ich in diesem Roman außerdem verhandle, sind Fragen nach anderen Lebens- und Beziehungsweisen. Kurz, es geht darum: Wie wollen wir leben und wie sollen die Beziehungen aussehen, die wir miteinander eingehen?
Was möchtest du den Leser:innen deines Romans mitgeben?
Gar nichts und zugleich alles, was die Leser:innen in dem Roman für sich finden. Es geht mir nicht darum, konkrete Lösungen anzubieten oder Antworten auf soziale Probleme zu geben. Dadurch, dass ich historische und fiktive widerständige Frauen in den Mittelpunkt rücke, möchte ich diesen sowohl in der Erinnerung als auch in der Vorstellungswelt des Möglichen einen Platz geben.
Natürlich möchte ich die Leser:innen auch unterhalten und wünsche mir, dass sie vom Text eingesogen und mit den Zeilen mitgerissen werden. Ich möchte sie affizieren und Emotionen auslösen. Und ja, vielleicht will ich doch etwas mitgeben: den Mut und die Freude, Dinge positiv verändern zu wollen. Und was meine Vorstellungen von positiv sind, das versuche ich im Roman zu zeigen.
Andreas Pavlic
Selige Unruhe
Edition Atelier, 248 Seiten, EUR 25.-
Erscheinungsdatum: 9.3.2026